Von Lea Susemichel
Don’t protect your daughters, educate your sons. Seit ich selbst eine Tochter und einen Sohn habe, ist der schöne Slogan für mich zum Affront geworden. Früher war mir nämlich gar nicht aufgefallen, dass sich die Formulierung direkt an die Eltern – und damit wie immer vor allem an die Mütter – richtet. Die sind mit dieser Erziehungsaufgabe jedoch maßlos überfordert. „Die Sozialisation von Jungen ist allgegenwärtig, überwältigend stark, manipulativ, emotional grausam und wirkungsvoll. Die Möglichkeit, anders zu sein, sich dem System zu entziehen, ein Schlupfloch zu finden, gibt es nicht“, schreibt Mareike Fallwickl in „Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen.“ Das klingt nach Fatalismus, aber wer Kinder hat und sie gendersensibel erziehen will, kennt dieses Ohnmachtsgefühl angesichts einer Welt, in denen Jungs der rosa Pullover von den Peers schon im Kindergarten wieder ausgetrieben wird und rigide Geschlechterbilder gerade auch bei jungen Männern aktuell wieder enormen Aufwind haben. Ja, es gibt sie, die öffentlich knuddelnden und empathisch miteinander sprechenden Dudes mit Nagellack, und sie machen mir viel Hoffnung. Aber es gibt auch eine rasante Retraditionalisierung von Männlichkeit, die mir nicht nur als Mutter große Angst macht. Sie bringt pumpende Teens hervor, die sich ohne Muskeln schwach fühlen, und sie führt dazu, dass es inzwischen in fast jeder Schulklasse Fans von Andrew Tate gibt. Die Definition dessen, was Raewyn Connell hegemoniale Männlichkeit genannt hat, verengt sich aufgrund des globalen politischen Backlash gegenwärtig wieder zu einer Karikatur des heterosexuellen Mackers. Angesichts dieser bedrohlichen Entwicklung und den fatalen Folgen, die sie hat, darf bitte nicht nur auf den individuellen Widerstand einzelner Eltern gesetzt werden.
„Schmink dir doch bitte den Schönheitsterror ab!“, kann ich meiner Tochter sagen, und meinem Sohn: „Trau dich, unmännlich und uncool zu sein!“. Ich kann sie zur gleichen Mithilfe im Haushalt einteilen, mit meinem Sohn von klein auf ständig über seine Gefühle und altersadäquat über patriarchale Verhältnisse sprechen, ihm die Haare lang wachsen lassen und ihn zum Puppenspiel animieren, handverlesene feministische Bücher und Filme für beide kuratieren, versuchen, ihnen zuhause nichts vorzuleben, das sie nicht nachmachen sollen (ha, ha …) – doch all das fühlt sich an wie ein Kampf gegen Windmühlen, sollen die Kinder irgendwann vor die Türe oder gar ins Internet gehen. Und dieser Kampf überfordert nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder, die über die sozialen Medien 24/7 völlig andere Anrufungen bekommen. Und er überfordert Eltern nicht zuletzt auch emotional: In „Söhne großziehen als Feministin“ schreibt Shila Behjat: „Ich möchte meine Söhne beschützen. Und zwar unter anderem auch vor meinen eigenen Verallgemeinerungen: davor etwa, dass ich sie so sehr als Söhne, und damit als Männer, wahrnehme und nicht einfach als Kinder.“ In diesem „Streitgespräch mit mir selbst“, wie Behjat ihr Buch im Untertitel nennt, geht es sehr viel um die Angst, den eigenen Sohn vorzuverurteilen, jede kindliche Aggression als Anzeichen maskuliner Grenzüberschreitung zu sanktionieren und den vermeintlichen Mansplainer schon im fünfjährigen Geschichtenerzähler abzuwürgen. Eltern, und wieder: vor allem Mütter – dürfen mit dieser Herkulesaufgabe nicht alleine gelassen werden. InAbwandlung des viel zitierten ganzen Dorfes, das es braucht, um Kinder großzuziehen, lässt sich nämlich sagen: Es braucht die ganze Welt, um sie zu neuen Söhnen zu erziehen.
