„Da müssen Sie jetzt durch“

Hitzewallungen – viel mehr wissen die meisten Betroffenen vorher nicht über die Wechseljahre. Warum sich das ändern muss und wir dringend eine bessere Begleitung und Behandlung der Menopause brauchen, hat Lea Susemichel von Miriam Yung-Min Stein erfahren.

an.schläge: Sie beschreiben die Menopause als letztes großes Tabu der Frauengesundheit. So unvorbereitet, wie die erschrockenen Mädchen, denen man früher bei ihrer ersten Menstruation kommentarlos eine Binde in die Hand gedrückt hat, sind die meisten Frauen auch heute, wenn die Periode wieder ausbleibt. Warum wissen wir immer noch so wenig über die Wechseljahre? Was hat „unsere Gesellschaft mit meinen Wechseljahren zu tun“, wie der Untertitel Ihres Buches „Die gereizte Frau“ lautet?

Miriam Yung-Min Stein: Zwei Sachen: Der Feminismus, der sich in den letzten Jahren zunehmend durchsetzt, ist erfolgsorientiert – im wirtschaftlichen Sinne. Das hat seinen Zweck, schließlich ist es von immenser Wichtigkeit für Frauen finanziell unabhängig zu werden und Zugang zu Entscheidungspositionen zu bekommen. Nur gelten Periode, Schwangerschaft und vor allem die Wechseljahre dabei als körperliche Schwäche. Die Periode kriegt man vielleicht noch als „empowerend“ erzählt, die Wechseljahre nicht. Zum anderen haben wir, vermutlich, immer noch verinnerlicht, dass wir als Frauen nur in unseren fruchtbaren Jahren Dienst an der Gesellschaft leisten. Das ist glücklicherweise schon lange nicht mehr so, aber diese Bilder sind so tief über Jahrtausende verinnerlicht, dass wir vermutlich noch einen Moment brauchen, um sie wirklich zur Seite legen zu können.

Viele Betroffene berichten davon, dass sie selbst mit schwerwiegenden Symptomen wie Schlaflosigkeit, Schmerzen beim Sex oder Depressionen mit dem Hinweis „das ist ganz normal und natürlich“ wieder nachhause geschickt werden. Ihnen ist das auch passiert.

Ja, genau, „da müssen Sie jetzt durch“, heißt es dann. Durch Depressionen vermutlich weniger als durch diffusere Symptome wie Dünnhäutigkeit oder Hautprobleme, denn Antidepressiva werden sehr wohl verschrieben. Da ist die Hemmschwelle offensichtlich geringer als bei Hormon-Therapien oder auch einfach nur einer guten Wechseljahr-Beratung.

Die fehlende Aufklärung führt auch dazu, dass die meisten Betroffenen gar nicht wissen, dass es eigentlich die Perimenopause ist, die zu den meisten Beschwerden führt. Welche Phasen durchleben wir in den Wechseljahren?

Wir durchleben die Prämenopause, das ist das Stadium, das schon mit Dreißig losgehen kann. Die Hormone sinken. Das, was wir als „Wechseljahre“ kennen, heißt medizinisch „Perimenopause“. In diese Phase schwanken die so genannten Sexualhormone – Östrogen, Progesteron und Testosteron gelegentlich stark. Diese Schwankungen können ganz unterschiedliche Beschwerden auslösen: bekannte wie Hitzewallungen, Gereiztheit oder unregelmäßige Zyklen. Aber auch unbekanntere wie Migräne, Herzstolpern oder Tinnitus. Depressionen, Angststörungen, quasi die heiße Phase des Wechsels. Diese Phase kann bis zu zehn Jahren dauern. Die eigentliche Menopause bezeichnet nur den kurzen Moment im Leben, in dem eine Frau zwölf Monate lang ihre Tage nicht mehr hatte. Der ganze Prozess heißt Klimakterium.

Die feministische Frauengesundheitsbewegung ist sich bezüglich der Hormonersatztherapie alles andere als einig. Neue Forschungen legen jedoch nahe, dass für viele die positiven Aspekte überwiegen könnten. Gibt es dazu valide Studien?

Es gibt valide Studien, auch darüber, dass bei der Women’s Health Initiative Fehler gemacht wurden. Ich bin hier keine Fachfrau, das Thema ist sehr komplex und vor allem emotionalisiert. Vielleicht so viel: Der Feminismus hat sich in Sachen Wechseljahren vor allem gegen Big Pharma positioniert. Das ist auch angesichts der Historie mit Robert Wilsons toxischem Buch „Feminin Forever“, das Hormon-Therapie als den einzigen Weg gegen den „lebenden Verfall“ angab, absolut verständlich. Das ist natürlich ganz großer Quatsch, Frauen nahmen Hormone und bekamen schlimmstenfalls Krebs davon. Nur sind wir heute pharmazeutisch weiter, die Dosierungen sind beispielsweise deutlich geringer. Ich habe mich für eine Hormonersatztherapie mit bioidentischen Hormonen entschieden, weil meine Symptome so schwer waren, dass ich kaum noch arbeiten konnte. Seit ich die Hormone nehme, geht es mir besser – das ist allerdings meine persönliche Historie mit den Wechseljahren. Ich wünsche mir zunächst Aufklärung und öffentliche Debatte. Nur mit genug Wissen können Frauen selbstbestimmt entscheiden, wie sie mit ihren Wechseljahren umgehen.

Lifestyle-Unternehmen wie Goop entdecken Frauen in den Wechseljahren gerade als einträgliche Zielgruppe. Sie füllen die Lücken, die die fehlende medizinische Versorgung hinterlassen hat. Entsprechend schwierig wird es für die Einzelne, sinnvolle Therapien für sich zu finden, statt Unsummen für irgendwelche nutzlosen Präparate ausgeben – ganz davon abgesehen, dass man sich das leisten können muss. Irgendwelche Tipps, wie sich diese Herausforderung bewältigen lässt?

Ernährung ist ein Kernstück, Zucker und fleischlastige Ernährung beispielsweise fördert bestimmte Symptome wie Schlafprobleme oder Hitzewallungen. Weniger davon und mehr Gemüse helfen wirklich sehr – es klingt wie eine Binse, ist aber so. Östrogen mischt auch beim Stoffwechsel mit, mit weniger verdaut der Körper langsamer, entsprechend logisch ist es, dass anders essen den Körper entlastet. Nährstoffe werden anders verstoffwechselt, der Körper braucht beispielsweise mehr Vitamine und Spurenelemente, um gut zu funktionieren.

„Blacks don’t crack“, Sprüche wie dieser machen deutlich, dass sich Ageism intersektional unterschiedlich äußert. Wie macht sich ageistische Diskriminierung für asiatisch gelesene Frauen wie Sie bemerkbar bzw. welche Unterschiede erleben Sie, wenn es ums Älterwerden geht?

Puh, alle Menschen haben zu 99,9 Prozent identische Gene. Nur 0,1 Prozent sind individuell. People of Color haben eine etwas dickere Dermis, das ist die obere Hautschicht, die entsprechend besser vor beispielsweise Sonnenschäden schützt und somit später sichtbar altert als hellere Haut. Vielleicht kommen solche Sprüche daher.
Das Vorurteil, dass Asiatinnen keine Beschwerden haben, geht auf eine US-amerikanische anthropologische Studie aus den 1990er-Jahren zurück. Dort erklärte die eigentlich tolle Anthropologin Magaret Lock, dass Frauen in Japan keine Symptome hätten. Was sie nicht berücksichtigte, war, dass Frauen in Asien nicht mit Fremden über persönliche Themen wie die Perimenopause sprechen. Die Beschwerden haben sie natürlich trotzdem.

Die Menopause könnte in der Sexualität sehr befreiend sein, weil für heterosexuelle Frauen der Verhütungsstress und die Angst vor ungewollter Schwangerschaft wegfällt. Wenn da nicht Dinge wie „vaginale Atrophie“ wären. Was für Probleme können auftauchen? Fehlt es auch diesbezüglich an Aufklärung und Therapieangeboten?

Durch die niedrigen Östrogenwerte werden die Wände der Vulva nicht mehr gut durchblutet und verhärten. Bakterien können sich leichter einnisten und beim Sex oder bei der gynäkologischen Behandlung kommt es zu Schmerzen. Eine Creme, die lokal Östrogen ausgibt, kann ebenso helfen wie eine Laserbehandlung, die die Durchblutung der Innenwände stimuliert. Den Laser muss man aber selbst bezahlen, eine Sitzung kostet in Deutschland etwa 400 Euro. Hier besteht Handlungsbedarf: Die Versorgung muss generell besser werden. Eine Gynäkologin bekommt in Deutschland nur 16,89 pro Quartal pro Patientin, egal wie oft diese zur Behandlung wiederkommt. Wechseljahrsbeschwerden sind keine Krankheit und somit nicht separat abrechenbar. Wirtschaftlich lohnt sich also eine Beratung zur Perimenopause nicht.

Einer meiner Lieblingstexte zum Thema Menopause ist „The Gift of Menopause“ (Vgl. S. X) . Erleben viele Frauen die Menopause als befreiend? Medial dominiert ja eher das Bild der alternden Frau, die verzweifelt und mit allen Mitteln gegen den Verlust von Attraktivität und Jugendlichkeit ankämpft. Wie kann es gelingen, dass dieser Freiheitsaspekt mehr im Vordergrund steht?

Viele Frauen leiden schon sehr unter der Unsichtbarkeit. Das Problem offenbart sich am stärksten auf dem Arbeitsmarkt: Frauen ab fünfzig werden von vielen Personalabteilungen gar nicht mehr berücksichtigt. Das ist nicht befreiend, sondern diskriminierend. Zumal Erfahrung extrem wertvoll ist im Arbeitsleben, vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels. Natürlich ist es befreiend, nicht mehr der ewigen Schönheit hinterherzurennen. Ich finde es wahnsinnig befreiend, nicht mehr darüber nachzudenken, ob Männer mich „hot“ finden oder nicht. Aber ich möchte schon, dass Frauen ab 45 weiterhin Teil des gesellschaftlichen Lebens bleiben. Ich wünsche mir, dass wir mehr ältere Frauen sehen und sie akzeptieren, so wie sie sind und sein wollen – ob mit oder ohne Botox, ob Madonna oder Miriam. Mir ging es, rein psychisch, nie besser. Die Gynäkologin und Autorin Sheila de Liz und ich waren letzte Woche im Deutschen Bundestag. Wir wollen Beratung, Behandlung und Ausbildung zu den Wechseljahren in Deutschland verbessern. Dass ich mit 46 noch Aktivistin werde, hätte ich auch nicht gedacht.

Miriam Yung-Min Stein ist Journalistin, Texterin und Autorin. Zuletzt von ihr erschienen: Die gereizte Frau. Was unsere Gesellschaft mit meinen Wechseljahren zu tun hat. Wilhelm-Goldmann-Verlag 2022, 18,95 Euro