{"id":706,"date":"2026-04-13T14:02:44","date_gmt":"2026-04-13T14:02:44","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=706"},"modified":"2026-04-13T14:02:44","modified_gmt":"2026-04-13T14:02:44","slug":"da-muessen-sie-jetzt-durch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=706","title":{"rendered":"\u201eDa m\u00fcssen Sie jetzt durch\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-size: 1rem;\">Hitzewallungen \u2013 viel mehr wissen die meisten Betroffenen vorher nicht \u00fcber die Wechseljahre. Warum sich das \u00e4ndern muss und wir dringend eine bessere Begleitung und Behandlung der Menopause brauchen, hat <\/span><strong style=\"font-size: 1rem;\">Lea Susemichel<\/strong><span style=\"font-size: 1rem;\"> von <\/span><strong style=\"font-size: 1rem;\">Miriam\u00a0Yung-Min\u00a0Stein<\/strong><span style=\"font-size: 1rem;\"> erfahren.<\/span><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>an.schl\u00e4ge: Sie beschreiben die Menopause als letztes gro\u00dfes Tabu der Frauengesundheit. So unvorbereitet, wie die erschrockenen M\u00e4dchen, denen man fr\u00fcher bei ihrer ersten Menstruation kommentarlos eine Binde in die Hand gedr\u00fcckt hat, sind die meisten Frauen auch heute, wenn die Periode wieder ausbleibt. Warum wissen wir immer noch so wenig \u00fcber die Wechseljahre? <\/em><em>Was hat \u201eunsere Gesellschaft mit meinen Wechseljahren zu tun\u201c, wie der Untertitel Ihres Buches \u201eDie gereizte Frau\u201c lautet?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Miriam\u00a0Yung-Min\u00a0Stein:<\/strong> Zwei Sachen: Der Feminismus, der sich in den letzten Jahren zunehmend durchsetzt, ist erfolgsorientiert \u2013 im wirtschaftlichen Sinne. Das hat seinen Zweck, schlie\u00dflich ist es von immenser Wichtigkeit f\u00fcr Frauen finanziell unabh\u00e4ngig zu werden und Zugang zu Entscheidungspositionen zu bekommen. Nur gelten Periode, Schwangerschaft und vor allem die Wechseljahre dabei als k\u00f6rperliche Schw\u00e4che. Die Periode kriegt man vielleicht noch als \u201eempowerend\u201c erz\u00e4hlt, die Wechseljahre nicht. Zum anderen haben wir, vermutlich, immer noch verinnerlicht, dass wir als Frauen nur in unseren fruchtbaren Jahren Dienst an der Gesellschaft leisten. Das ist gl\u00fccklicherweise schon lange nicht mehr so, aber diese Bilder sind so tief \u00fcber Jahrtausende verinnerlicht, dass wir vermutlich noch einen Moment brauchen, um sie wirklich zur Seite legen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Viele Betroffene berichten davon, dass sie selbst mit schwerwiegenden Symptomen wie Schlaflosigkeit, Schmerzen beim Sex oder Depressionen mit dem Hinweis \u201edas ist ganz normal und nat\u00fcrlich\u201c wieder nachhause geschickt werden. Ihnen ist das auch passiert. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, genau, \u201eda m\u00fcssen Sie jetzt durch\u201c, hei\u00dft es dann. Durch Depressionen vermutlich weniger als durch diffusere Symptome wie D\u00fcnnh\u00e4utigkeit oder Hautprobleme, denn Antidepressiva werden sehr wohl verschrieben. Da ist die Hemmschwelle offensichtlich geringer als bei Hormon-Therapien oder auch einfach nur einer guten Wechseljahr-Beratung.<\/p>\n<p><em>Die fehlende Aufkl\u00e4rung f\u00fchrt auch dazu, dass die meisten Betroffenen gar nicht wissen, dass es eigentlich die Perimenopause ist, die zu den meisten Beschwerden f\u00fchrt. Welche Phasen durchleben wir in den Wechseljahren? <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir durchleben die Pr\u00e4menopause, das ist das Stadium, das schon mit Drei\u00dfig losgehen kann. Die Hormone sinken. Das, was wir als \u201eWechseljahre\u201c kennen, hei\u00dft medizinisch \u201ePerimenopause\u201c. In diese Phase schwanken die so genannten Sexualhormone \u2013 \u00d6strogen, Progesteron und Testosteron gelegentlich stark. Diese Schwankungen k\u00f6nnen ganz unterschiedliche Beschwerden ausl\u00f6sen: bekannte wie Hitzewallungen, Gereiztheit oder unregelm\u00e4\u00dfige Zyklen. Aber auch unbekanntere wie Migr\u00e4ne, Herzstolpern oder Tinnitus. Depressionen, Angstst\u00f6rungen, quasi die hei\u00dfe Phase des Wechsels. Diese Phase kann bis zu zehn Jahren dauern. Die eigentliche Menopause bezeichnet nur den kurzen Moment im Leben, in dem eine Frau zw\u00f6lf Monate lang ihre Tage nicht mehr hatte. Der ganze Prozess hei\u00dft Klimakterium.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Die feministische Frauengesundheitsbewegung ist sich bez\u00fcglich der Hormonersatztherapie alles andere als einig. Neue Forschungen legen jedoch nahe, dass f\u00fcr viele die positiven Aspekte \u00fcberwiegen k\u00f6nnten. Gibt es dazu valide Studien? <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt valide Studien, auch dar\u00fcber, dass bei der Women\u2019s Health Initiative Fehler gemacht wurden. Ich bin hier keine Fachfrau, das Thema ist sehr komplex und vor allem emotionalisiert. Vielleicht so viel: Der Feminismus hat sich in Sachen Wechseljahren vor allem gegen Big Pharma positioniert. Das ist auch angesichts der Historie mit Robert Wilsons toxischem Buch \u201eFeminin Forever\u201c, das Hormon-Therapie als den einzigen Weg gegen den \u201elebenden Verfall\u201c angab, absolut verst\u00e4ndlich. Das ist nat\u00fcrlich ganz gro\u00dfer Quatsch, Frauen nahmen Hormone und bekamen schlimmstenfalls Krebs davon. Nur sind wir heute pharmazeutisch weiter, die Dosierungen sind beispielsweise deutlich geringer. Ich habe mich f\u00fcr eine Hormonersatztherapie mit bioidentischen Hormonen entschieden, weil meine Symptome so schwer waren, dass ich kaum noch arbeiten konnte. Seit ich die Hormone nehme, geht es mir besser \u2013 das ist allerdings meine pers\u00f6nliche Historie mit den Wechseljahren. Ich w\u00fcnsche mir zun\u00e4chst Aufkl\u00e4rung und \u00f6ffentliche Debatte. Nur mit genug Wissen k\u00f6nnen Frauen selbstbestimmt entscheiden, wie sie mit ihren Wechseljahren umgehen.<\/p>\n<p><em>Lifestyle-Unternehmen wie Goop entdecken Frauen in den Wechseljahren gerade als eintr\u00e4gliche Zielgruppe. Sie f\u00fcllen die L\u00fccken, die die fehlende medizinische Versorgung hinterlassen hat. Entsprechend schwierig wird es f\u00fcr die Einzelne, sinnvolle Therapien f\u00fcr sich zu finden, statt Unsummen f\u00fcr irgendwelche nutzlosen Pr\u00e4parate ausgeben \u2013 ganz davon abgesehen, dass man sich das leisten k\u00f6nnen muss. Irgendwelche Tipps, wie sich diese Herausforderung bew\u00e4ltigen l\u00e4sst?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ern\u00e4hrung ist ein Kernst\u00fcck, Zucker und fleischlastige Ern\u00e4hrung beispielsweise f\u00f6rdert bestimmte Symptome wie Schlafprobleme oder Hitzewallungen. Weniger davon und mehr Gem\u00fcse helfen wirklich sehr \u2013 es klingt wie eine Binse, ist aber so. \u00d6strogen mischt auch beim Stoffwechsel mit, mit weniger verdaut der K\u00f6rper langsamer, entsprechend logisch ist es, dass anders essen den K\u00f6rper entlastet. N\u00e4hrstoffe werden anders verstoffwechselt, der K\u00f6rper braucht beispielsweise mehr Vitamine und Spurenelemente, um gut zu funktionieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201eBlacks don&#8217;t crack\u201c, Spr\u00fcche wie dieser machen deutlich, dass sich <\/em><em>Ageism intersektional unterschiedlich \u00e4u\u00dfert. Wie macht sich ageistische Diskriminierung f\u00fcr asiatisch gelesene Frauen wie Sie bemerkbar bzw. welche Unterschiede erleben Sie, wenn es ums \u00c4lterwerden geht?<\/p>\n<p><\/em>Puh, alle Menschen haben zu 99,9 Prozent identische Gene. Nur 0,1 Prozent sind individuell. People of Color haben eine etwas dickere Dermis, das ist die obere Hautschicht, die entsprechend besser vor beispielsweise Sonnensch\u00e4den sch\u00fctzt und somit sp\u00e4ter sichtbar altert als hellere Haut. Vielleicht kommen solche Spr\u00fcche daher.<br \/>\nDas Vorurteil, dass Asiatinnen keine Beschwerden haben, geht auf eine US-amerikanische anthropologische Studie aus den 1990er-Jahren zur\u00fcck. Dort erkl\u00e4rte die eigentlich tolle Anthropologin Magaret Lock, dass Frauen in Japan keine Symptome h\u00e4tten. Was sie nicht ber\u00fccksichtigte, war, dass Frauen in Asien nicht mit Fremden \u00fcber pers\u00f6nliche Themen wie die Perimenopause sprechen. Die Beschwerden haben sie nat\u00fcrlich trotzdem.<\/p>\n<p><em>Die Menopause k\u00f6nnte in der Sexualit\u00e4t sehr befreiend sein, weil f\u00fcr heterosexuelle Frauen der Verh\u00fctungsstress und die Angst vor ungewollter Schwangerschaft wegf\u00e4llt. Wenn da nicht Dinge wie \u201evaginale Atrophie\u201c w\u00e4ren. Was f\u00fcr Probleme k\u00f6nnen auftauchen? Fehlt es auch diesbez\u00fcglich an Aufkl\u00e4rung und Therapieangeboten?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Durch die niedrigen \u00d6strogenwerte werden die W\u00e4nde der Vulva nicht mehr gut durchblutet und verh\u00e4rten. Bakterien k\u00f6nnen sich leichter einnisten und beim Sex oder bei der gyn\u00e4kologischen Behandlung kommt es zu Schmerzen. Eine Creme, die lokal \u00d6strogen ausgibt, kann ebenso helfen wie eine Laserbehandlung, die die Durchblutung der Innenw\u00e4nde stimuliert. Den Laser muss man aber selbst bezahlen, eine Sitzung kostet in Deutschland etwa 400 Euro. Hier besteht Handlungsbedarf: Die Versorgung muss generell besser werden. Eine Gyn\u00e4kologin bekommt in Deutschland nur 16,89 pro Quartal pro Patientin, egal wie oft diese zur Behandlung wiederkommt. Wechseljahrsbeschwerden sind keine Krankheit und somit nicht separat abrechenbar. Wirtschaftlich lohnt sich also eine Beratung zur Perimenopause nicht.<\/p>\n<p><em>Einer meiner Lieblingstexte zum Thema Menopause ist \u201eThe Gift of Menopause\u201c (Vgl. S. X) . Erleben viele Frauen die Menopause als befreiend? Medial dominiert ja eher das Bild der alternden Frau, die verzweifelt und mit allen Mitteln gegen den Verlust von Attraktivit\u00e4t und Jugendlichkeit ank\u00e4mpft. Wie kann es gelingen, dass dieser Freiheitsaspekt mehr im Vordergrund steht?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Frauen leiden schon sehr unter der Unsichtbarkeit. Das Problem offenbart sich am st\u00e4rksten auf dem Arbeitsmarkt: Frauen ab f\u00fcnfzig werden von vielen Personalabteilungen gar nicht mehr ber\u00fccksichtigt. Das ist nicht befreiend, sondern diskriminierend. Zumal Erfahrung extrem wertvoll ist im Arbeitsleben, vor allem in Zeiten des Fachkr\u00e4ftemangels. Nat\u00fcrlich ist es befreiend, nicht mehr der ewigen Sch\u00f6nheit hinterherzurennen. Ich finde es wahnsinnig befreiend, nicht mehr dar\u00fcber nachzudenken, ob M\u00e4nner mich \u201ehot\u201c finden oder nicht. Aber ich m\u00f6chte schon, dass Frauen ab 45 weiterhin Teil des gesellschaftlichen Lebens bleiben. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir mehr \u00e4ltere Frauen sehen und sie akzeptieren, so wie sie sind und sein wollen \u2013 ob mit oder ohne Botox, ob Madonna oder Miriam. Mir ging es, rein psychisch, nie besser. Die Gyn\u00e4kologin und Autorin Sheila de Liz und ich waren letzte Woche im Deutschen Bundestag. Wir wollen Beratung, Behandlung und Ausbildung zu den Wechseljahren in Deutschland verbessern. Dass ich mit 46 noch Aktivistin werde, h\u00e4tte ich auch nicht gedacht.<\/p>\n<p><em>Miriam\u00a0Yung-Min\u00a0Stein\u00a0ist Journalistin, Texterin und Autorin.\u00a0Zuletzt von ihr erschienen: Die gereizte Frau. Was unsere Gesellschaft mit meinen Wechseljahren zu tun hat. Wilhelm-Goldmann-Verlag 2022, 18,95 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hitzewallungen \u2013 viel mehr wissen die meisten Betroffenen vorher nicht \u00fcber die Wechseljahre. Warum sich das \u00e4ndern muss und wir dringend eine bessere Begleitung und Behandlung der Menopause brauchen, hat Lea Susemichel von Miriam\u00a0Yung-Min\u00a0Stein erfahren. an.schl\u00e4ge: Sie beschreiben die Menopause als letztes gro\u00dfes Tabu der Frauengesundheit. 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