{"id":683,"date":"2025-11-28T17:57:26","date_gmt":"2025-11-28T17:57:26","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=683"},"modified":"2025-11-28T17:57:26","modified_gmt":"2025-11-28T17:57:26","slug":"lernen-verlernen-vergessen-vorbeugen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=683","title":{"rendered":"Lernen &#038; verlernen, vergessen &#038; vorbeugen"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wir lernen ziemlich viel Unsinn und kommen dadurch auf bl\u00f6de Gedanken\u2013 und das nicht erst, seit es Fake News auf Social Media gibt. Wie l\u00e4sst sich das alles wieder verlernen und vergessen? Und k\u00f6nnen Menschen gegen Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen geimpft werden?<\/em><br \/>\n<em>Von Lea Susemichel. Mitarbeit: Chiara Kohlmorgen<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lernen ist ein Ort, an dem das Paradies erschaffen werden kann, schreibt bell hooks in ihrem Buch \u201eTeaching to Transgress\u201c. Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Hochschullehrerin war \u00fcberzeugt, dass Lernen\u00a0vor allem darauf abzielen sollte, kritisches Denken und\u00a0Selbstreflexion\u00a0und\u00a0so auch gesellschaftliche Ver\u00e4nderung\u00a0zu erm\u00f6glichen. Auch f\u00fcr den einflussreichen brasilianischen P\u00e4dagogen Paulo Freire ist kritische Bildungsarbeit immer ein \u201eUnterfangen der Ver\u00e4nderung\u201c, bei dem\u00a0Hierarchien hinterfragt\u00a0und\u00a0Machtstrukturen freigelegt werden, damit sie ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDoch nicht jede Form von Lernen f\u00f6rdert Emanzipation, ganz im Gegenteil.<br \/>\nSchlie\u00dflich werden auch sexistische und rassistische Menschenbilder und antidemokratische Anschauungen erst gelernt. Denn egal, ob es um unsere Geschlechterordnung oder die \u00dcberzeugung geht, dass Kapitalismus ein Segen f\u00fcr alle ist \u2013 scheinbar selbstverst\u00e4ndliche Annahmen \u00fcber den Zustand der Welt und unsere Position darin wurden uns allen irgendwann beigebracht. Bildung ist also nicht einfach nur neutrale Wissensaufnahme, sondern immer mit Werturteilen und Weltanschauungen verbunden und kann so auch Unterdr\u00fcckung reproduzieren, indem dabei patriarchale und autorit\u00e4re \u00dcberzeugungen tief verinnerlicht werden.<\/p>\n<p><strong>\u201eAusl\u00f6schung\u201c<\/strong><strong>.<\/strong> Wer sich wie auch die Sozialwissenschaftlerin und Feministin\u00a0Frigga Haug\u00a0also\u00a0mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie emanzipatorisches Lernen aussehen kann, das nicht auf Anpassung an ungerechte Zust\u00e4nde, sondern auf\u00a0Ver\u00e4nderung und Befreiung\u00a0zielt, sieht sich deshalb schnell mit einer zentralen Frage konfrontiert: Wie funktioniert eigentlich das<em> Verlernen<\/em> von menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Ideologien? Auch f\u00fcr die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak ist Lernen untrennbar mit so einem Prozess des\u00a0Verlernens\u00a0verbunden. Wieder verlernt werden sollen ihr zufolge die eigenen internalisierten Privilegien und Pr\u00e4gungen, die beispielsweise vielen <em>wei\u00dfen<\/em> Menschen bis heute nicht bewusst sind. \u201eUnlearning one\u2019s privilege as one\u2019s loss\u201c, so fasst es Spivak zusammen, gemeint ist ein Verlernen des eigenen Privilegs, das man als Verlust akzeptieren muss. Dieses Verlernen ist f\u00fcr sie aber eben nicht nur eine ethische Pflicht, sondern auch eine epistemische Praxis, die f\u00fcr echten Erkenntnisgewinn unabdingbar ist. Verlernen meint in diesem Fall ein aktives Auseinandersetzen und nicht einfach ein Vergessen, wie es beim sogenannten Extinktionslernen der Fall ist. In der Verhaltenstherapie zielt diese \u201eAusl\u00f6schung\u201c darauf ab, ein zuvor erlerntes, problematisches Verhalten allm\u00e4hlich abzuschw\u00e4chen und schlie\u00dflich ganz abzulegen, indem ein Reiz wiederholt ohne die erwartete Konsequenz pr\u00e4sentiert wird, z. B.\u00a0wenn eine Person mit Phobie in einem sicheren, therapeutischen Setting immer wieder mit dem Angstausl\u00f6ser konfrontiert wird, bis die Angstreaktion schlie\u00dflich ganz verschwindet.<\/p>\n<p><strong>Neuer Ged\u00e4chtnisrahmen.<\/strong> Doch auch das vollst\u00e4ndige Vergessen spielt bei der Korrektur unserer \u00dcberzeugungen durchaus eine wichtige Rolle. Denn unser Ged\u00e4chtnis ist nicht nur f\u00fcrs Erinnern zust\u00e4ndig, sondern ebenso f\u00fcrs Vergessen, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann betont: Das Erinnern sei sogar die \u201eunwahrscheinliche Ausnahme\u201c. Die Regel hingegen ist das Vergessen, das lautlos und unbemerkt passiert und \u201eder Normalfall in Kultur und Gesellschaft\u201c sei. Dieses Verschwinden von Erinnerungen an den Gro\u00dfteil aller Menschen hat unsere Kulturgeschichte zutiefst euro- und androzentrisch gepr\u00e4gt und daf\u00fcr gesorgt, dass in den Geschichtsb\u00fcchern vor allem die Geschichte der Sieger erinnert wird.<br \/>\nUnserer Vergesslichkeit kommt aber durchaus auch eine positive, entlastende Funktion zu. Sie erm\u00f6glicht einen neuen \u201eGed\u00e4chtnisrahmen\u201c, wie Assmann einen historischen Paradigmenwechsel bezeichnet, in dem \u00fcberkommene Deutungsmuster entsorgt und neue Formen des Erinnerns etabliert werden k\u00f6nnen. Dieser Wechsel des Ged\u00e4chtnisrahmens ist ein idealtypischer Fall des kollektiven Verlernens, das gro\u00dfe emanzipatorische Effekte haben kann \u2013 wie reizvoll w\u00e4re es schlie\u00dflich, Sexismus und Misogynie einfach vergessen machen zu k\u00f6nnen? Nach politischen Umst\u00fcrzen kann diese radikale Ausl\u00f6schung von neuen Regimen allerdings auch h\u00f6chst repressiv durchgesetzt werden. Es ist also entscheidend, ob etwa der Sturz von Denkm\u00e4lern von offener, kritischer Reflexion \u00fcber die Ideologien, f\u00fcr die sie standen, begleitet wird, oder ob er nur der Schw\u00e4chung des politischen Gegners dienen soll.<\/p>\n<p><strong>Manipulation vorbeugen.<\/strong> Am besten w\u00e4re es freilich, wenn anti-demokratische \u00dcberzeugungen nicht erst m\u00fchsam wieder verlernt und vergessen werden m\u00fcssten \u2013 ein oft vergebliches Unterfangen, wenn sich Einstellungsmuster erst mal verfestigt haben \u2013\u00a0 sondern sich gar nicht erst durchsetzen k\u00f6nnten. Und im Zeitalter digitaler Desinformationsflut und Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen ist die Frage, wie Menschen gegen gef\u00e4hrliche ideologische Beeinflussung gewappnet werden k\u00f6nnen, ganz besonders dringlich.<br \/>\nForscher:innen wie die Psychologen Sander van der Linden und Jon Roozenbeek empfehlen hierf\u00fcr die sogenannte \u201eInokulation\u201c, auch \u201ePrebunking\u201c genannt (im Unterschied zu \u201eDebunking\u201c, also der nachtr\u00e4glichen argumentativen Anfechtung von Meinungen). Sie \u00fcbertragen dabei das medizinische Prinzip der Impfung auf kognitive Prozesse. Die Idee dahinter: Menschen k\u00f6nnen widerstandsf\u00e4higer gegen\u00fcber manipulativen Narrativen werden, wenn sie fr\u00fchzeitig mit Formen typischer Desinformationstechniken konfrontiert und dabei \u00fcber deren Funktionsweise aufgekl\u00e4rt werden. Van der Linden und Roozenbeek entwickelten f\u00fcr diese Inokulation Pr\u00e4ventionsans\u00e4tze wie das interaktive Online-Spiel \u201eBad News\u201c, in dem Nutzer:innen in die Rolle von Desinformationsakteuren schl\u00fcpfen und verbreitete Strategien wie Emotionalisierung, Quellenf\u00e4lschung, Polarisierung oder Trolling selbst ausprobieren k\u00f6nnen. Empirische Studien zeigen, dass solche spielerischen Prebunking-Interventionen im Vorfeld die F\u00e4higkeit manipulative Inhalte zu erkennen erh\u00f6hen und die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Fehlinformation so reduzieren k\u00f6nnen. Hinweise auf typische Muster, nach denen Desinformationskampagnen oft konstruiert sind, st\u00e4rken die\u00a0kognitive und psychische Resistenz\u00a0und k\u00f6nnen das kritische Urteilsverm\u00f6gen f\u00f6rdern.<br \/>\nEs liegt nahe, diese Regel auch im Hinblick auf ideologische Indoktrinierung zu verallgemeinern: Pr\u00e4vention ist wirksamer als sp\u00e4tere Schadensbegrenzung. Wenn etwa Kinder und Jugendliche fr\u00fch lernen, wie Narrative des Hasses und Muster gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit funktionieren und wie sie Emotionen instrumentalisieren, werden sie weniger empf\u00e4nglich f\u00fcr rechte Propaganda, Hetze und digitale Radikalisierung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gef\u00fchl von Kontrolle.<\/strong> Auch die Journalistin Ingrid Brodnig best\u00e4tigt: Fr\u00fchzeitige Aufkl\u00e4rung sch\u00fctzt besser, sp\u00e4ter festgefahrene Meinungen korrigieren zu wollen, ist schwerer. Die Expertin f\u00fcr Digitalisierung und Ma\u00dfnahmen gegen Desinformation besch\u00e4ftigt sich seit vielen Jahren damit, warum viele Menschen so anf\u00e4llig f\u00fcr Fake News, Falschmeldungen und Verschw\u00f6rungsmythen sind: \u201eDas Effizienteste ist die Aufkl\u00e4rung, bevor Leute sich tief in was reingearbeitet haben\u201c, sagt Brodnig. Bereits einfache Hinweise, wie kritisches Hinterfragen rei\u00dferischer \u00dcberschriften, k\u00f6nnen die Wahrnehmung manipulativer Inhalte sch\u00e4rfen.<br \/>\nIm an.schl\u00e4ge-Interview erkl\u00e4rt die Autorin, dass Verschw\u00f6rungsmythen vor allem eines bieten: Orientierung in unsicheren Zeiten. \u201eGerade Verschw\u00f6rungsmythen geben Menschen sehr viel Halt, weil sie eine schl\u00fcssig scheinende Erkl\u00e4rung einer oft undurchsichtigen Welt geben\u201c, so Brodnig. Besonders dann, wenn Menschen eine schwierige Phase durchleben \u2013 sei es der Verlust des Jobs, eine Trennung oder eine globale Krise wie eine Pandemie \u2013 vermitteln solche Mythen ein Gef\u00fchl von Kontrolle. \u201eSie geben das Gef\u00fchl, dass man etwas verstanden h\u00e4tte, auch wenn sie das eigentliche Problem nicht l\u00f6sen\u201c, erg\u00e4nzt sie. Psychologisch betrachtet entspricht das dem \u201e<em>Need for Closure\u201c<\/em>: Menschen wollen klare Antworten auf komplexe Fragen, selbst wenn die Schlussfolgerungen voreilig und falsch sind, einfach weil Unsicherheit schwer auszuhalten ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Wir gegen die anderen.<\/strong> Ein weiterer Aspekt, der Verschw\u00f6rungsmythen so attraktiv macht, ist die narzisstische Selbsterh\u00f6hung, die sie erlauben. Wer behaupten kann, \u201eIch habe mehr verstanden als die Mehrheit da drau\u00dfen\u201c, erlebe ein Gef\u00fchl von \u00dcberlegenheit, betont Brodnig. Damit erf\u00fcllen Verschw\u00f6rungsglauben und Fake News auch eine identit\u00e4tsstiftende Funktion: Sie lassen ihre Anh\u00e4nger:innen zu einer erleuchteten Minderheit werden, die vermeintlich \u00fcber den anderen steht. Brodnig weist darauf hin, dass Verschw\u00f6rungsmythen und radikale Szenen wie die Manosphere rund um maskulinistische Influencer wie Andrew Tate nicht nur wegen ihrer Ideologien attraktiv sind, sondern weil sie Gemeinschaft und Zugeh\u00f6rigkeit bieten. \u201eLeute, die in der Verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubigen-Szene waren, erz\u00e4hlen oft vom gro\u00dfen Zusammenhalt, sie erleben dort ein starkes Gef\u00fchl des Miteinanders\u201c, erl\u00e4utert sie. Einsamkeit und fehlende soziale Bindungen k\u00f6nnen Menschen besonders anf\u00e4llig f\u00fcr gef\u00e4hrliche Narrative machen. Extremistische Szenen liefern ein \u201eWir gegen die anderen\u201c-Narrativ, das nicht nur Identit\u00e4t stiftet, sondern auch emotionale Best\u00e4tigung liefert. Gerade in jungen Altersgruppen sind diese sozialen Effekte besonders stark: Die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Community kann wichtiger sein als die Inhalte der Ideologie selbst.<br \/>\nWie sich Einsamkeit\u00a0und Ressentiment gegenseitig verst\u00e4rken k\u00f6nnen, hat auch die Soziologin Claudia Neu erforscht. Ihre These: Menschen, die sich einsam f\u00fchlen, vertrauen demokratischen Institutionen oft weniger. Dies k\u00f6nne schlie\u00dflich auch in einer erh\u00f6hten Neigung gipfeln, Verschw\u00f6rungsmythen zu glauben oder politische Gewalt eher zu billigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Confirmation Bias.<\/strong> Was aber l\u00e4sst sich entgegensetzen, wenn es f\u00fcr Pr\u00e4vention schon zu sp\u00e4t ist?<br \/>\nDie sp\u00e4tere Anfechtung verschw\u00f6rungstheoretischer Erz\u00e4hlungen wird vom sogenannten Confirmation Bias erschwert. Der Begriff beschreibt die die Tendenz, Informationen so zu filtern, dass sie das eigene Weltbild best\u00e4tigen. Brodnig verdeutlicht: \u201eMan f\u00e4llt ja nicht auf die Falschmeldung hinein, die einem total widerspricht, sondern auf die Falschmeldung, die das besagt, was man sich eh schon gedacht hat.\u201c Dieser Mechanismus ist in der Kognitionspsychologie gut beschrieben: Menschen neigen dazu, Informationen eher zu glauben, wenn sie bestehende \u00dcberzeugungen best\u00e4tigen. Das erkl\u00e4re auch, warum Aufkl\u00e4rung oft so schwer greift \u2013 eine Korrektur bringt Menschen auch um den emotionalen Nutzen, den ihnen der Glauben an eine bestimmte Geschichte geboten hatte.<br \/>\nIn der digitalen Welt werden diese Effekte durch Plattform-Logiken verst\u00e4rkt. Die Algorithmen von sozialen Netzwerken schlagen ihren Nutzer*innen verwandte oder \u00e4hnliche Inhalte vor, um Aufmerksamkeit und Verweildauer zu erh\u00f6hen \u2013 selbst dann, wenn die Inhalte irref\u00fchrend sind. So entstehen Echokammern, die vorhandene \u00dcberzeugungen best\u00e4tigen, anstatt sie herauszufordern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><em>Motivated reasoning<\/em><\/strong><strong>.<\/strong> Der Politikwissenschaftler Brendan Nyhan weist darauf hin, dass Fehlinformation besonders dann wirkm\u00e4chtig wird, wenn sie identit\u00e4tsstiftend ist: Menschen sch\u00fctzen ihre Weltbilder, nicht die Wahrheit. Informationen, die das eigene Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl bedrohen, werden eher abgewehrt, selbst wenn sie korrekt sind. So erkl\u00e4rt sich, warum falsche Aussagen, die in vertraute Denkmuster eingebettet sind, oft widerstandsloser akzeptiert werden als n\u00fcchtern pr\u00e4sentierte Fakten, die den eigenen Annahmen widersprechen \u2013 das sogenannte <em>motivated reasoning<\/em>. Studien zeigen dabei immer wieder, dass ideologische Loyalit\u00e4t die Wahrnehmung von Fakten stark pr\u00e4gt.<br \/>\nEng damit verkn\u00fcpft ist die Anf\u00e4lligkeit des menschlichen Ged\u00e4chtnisses f\u00fcr Verzerrungen, wie die Kognitionspsychologin Elizabeth Loftus eindrucksvoll nachweisen konnte. In ihren Experimenten zur Suggestibilit\u00e4t demonstrierte sie, dass bereits kleine sprachliche Nuancen \u2013 etwa die Frage, ob Autos \u201ezusammenstie\u00dfen\u201c oder sich \u201eber\u00fchrten\u201c \u2013 die Erinnerung an ein Ereignis, im konkreten Fall die Schwere eines Unfalls, erheblich ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Loftus\u2019 Forschung zeigt, dass menschliches Erinnern durch externe Suggestion und innere Rekonstruktion hochgradig ver\u00e4nderbar ist. Im Kontext von Falschmeldungen bedeutet das, dass Erinnerungen und Wahrnehmungen aktiv durch Narrative, mediale Darstellung oder soziale Best\u00e4tigung geformt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em><strong>Backfire-Effekt<\/strong><\/em><strong><em>.<\/em><\/strong> Erschwerend f\u00fcr Interventionsversuche ist auch der mit dem Ph\u00e4nomen der ideologischen Loyalit\u00e4t eng verkn\u00fcpfte \u201e<em>Backfire-Effekt\u201c.<\/em> Er beschreibt, dass Menschen nach einem Korrekturversuch von Fehlinformationen mitunter sogar noch st\u00e4rker als vorher an ihrer falschen \u00dcberzeugung festhalten. \u00a0Die Vermutung ist, dass eine verh\u00e4rtete politische Identit\u00e4t diese Art Trotzhaltung beg\u00fcnstigt \u2013 Menschen verteidigen dann ihr Selbstbild und ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu einer ideologischen Gruppe. Der enorme Widerstand gegen \u201eWokeness\u201c und der reaktion\u00e4re Backlash, der auf die Forderungen von Feministinnen oder marginalisierter Gruppen regelm\u00e4\u00dfig folgt, scheint diese Theorie zu best\u00e4tigen. Wenn konkurrierende Wertvorstellungen als Bedrohung und Angriff auf die eigene Lebensweise empfunden werden, entsteht h\u00e4ufig eine besonders heftige Gegenreaktion. Neuere Arbeiten, etwa von der Kognitionspsychologin Briony Swire-Thompson, zeigen jedoch, dass ein genereller Backfire-Effekt deutlich seltener auftritt als urspr\u00fcnglich angenommen, Aufkl\u00e4rung kann also durchaus auch korrigierende Wirkung entfalten, zumindest sofern f\u00fcr die Gegenseite nicht allzu viel auf dem Spiel steht.<br \/>\nIngrid Brodnig verweist jedoch auch darauf, dass jeder Korrekturversuch einer Falschinformationen in einem kommunikativen Dilemma steckt: \u201eDie Korrektur einer Falschmeldung kann die Falschmeldung gr\u00f6\u00dfer machen.\u201c Als Beispiel nennt sie den TikTok-Hoax \u201eNational Rape Day\u201c, der j\u00e4hrlich auftaucht. Dabei wird behauptet, dass es einen Tag im Jahr g\u00e4be, an dem sexuelle Gewalt gegen Frauen straffrei sei. Nachdem ein Berliner Senator vorab vor der misogynen Erz\u00e4hlung warnte, entfachte dies eine \u00f6ffentliche Debatte, die die Falschmeldung weiter verst\u00e4rkte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Hohe Viralit\u00e4t.<\/strong> Emotionen sind dabei ein wesentlicher Faktor, analysiert Brodnig, vor allem Wut, Angst oder Emp\u00f6rung: \u201eWut ist eine besonders stark aktivierende Emotion.\u201c Empirische Daten zeigen, dass Inhalte, die Wut erzeugen, signifikant h\u00e4ufiger geteilt werden. Fake News w\u00fcrden diese Mechanismen gezielt nutzen, um Viralit\u00e4t zu erzeugen und sich die Aufmerksamkeit von Nutzer:innen zu sichern, so die Autorin.<br \/>\nDas best\u00e4tigt auch eine in \u201eScience\u201c ver\u00f6ffentlichte Studie, bei der Forschende die Verbreitungsdynamik von \u00fcber 126.000 Nachrichten auf Twitter untersuchten. Das Ergebnis: Falsche Nachrichten verbreiten sich nicht nur weiter, sondern auch deutlich schneller als wahrheitsgetreue Nachrichten. Besonders auff\u00e4llig war, dass Meldungen, die starke Emotionen wie Wut, Angst oder \u00dcberraschung hervorriefen, eine deutlich h\u00f6here Viralit\u00e4t aufwiesen als einfache Fakten. Auch Nachrichten, die \u00fcberraschend oder ungew\u00f6hnlich erscheinen, werden eher weitergegeben, selbst wenn sie offensichtlich falsch sind. Die Kombination aus emotionaler Aktivierung, ideologischer Best\u00e4tigung und Neuigkeitswert schafft also einen idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr Desinformation in sozialen Netzwerken. Besonders folgenschwer dabei ist: Diese Mechanismen werden gezielt monetarisiert, weil sie f\u00fcr mehr Klicks sorgen. Jede Interaktion steigert die Sichtbarkeit der Beitr\u00e4ge und generiert gleichzeitig Werbeeinnahmen f\u00fcr die Plattformen oder Einnahmen f\u00fcr die Urheber*innen des Contents, Falschmeldungen werden damit also auch \u00f6konomisch belohnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Liar\u2019s Dividend.<\/strong> Die Profiteure von Desinformation sind aber nicht nur jene, die kommerzielle Interessen verfolgen, erkl\u00e4rt Brodnig. Neben windigen Coaches oder Anbietern fragw\u00fcrdiger Produkte profitieren vor allem auch politische Influencer und extremistische Akteur:innen: \u201eViele Falschinformationen sind ja politisch ausgerichtet, richten sich gegen Minderheiten und transportieren antisemitische, muslimfeindliche oder transfeindliche Erz\u00e4hlungen.\u201c Sie nutzen also bewusst Falschmeldungen, um Feindbilder zu etablieren und gesellschaftliche Hierarchien zu zementieren.<br \/>\nMit dem Aufkommen von KI-generierten Videos hat sich die Lage noch versch\u00e4rft. \u201eWeil auch gro\u00dfe Anbieter wie Google und OpenAI jetzt Video-Tools anbieten, ist die Gefahr der T\u00e4uschung gr\u00f6\u00dfer geworden\u201c, sagt Brodnig. Solche Videos untergraben das Vertrauen in visuelle Wahrnehmung: Menschen beginnen, selbst echten Videos zu misstrauen \u2013 ein Effekt, der als <em>Liar\u2019s Dividend<\/em> bezeichnet wird. Erst werden Zweifel ges\u00e4t, reale Aufnahmen werden dann infrage gestellt, wodurch die Glaubw\u00fcrdigkeit verl\u00e4sslicher Quellen erodiert.<\/p>\n<p><strong>Truth Sandwich.<\/strong><span style=\"font-weight: 400;\"> Doch wenn selbst Korrekturversuche oft nach hinten losgehen, was hilft dann \u00fcberhaupt noch?<br \/>\nEs reiche nicht, sachliche Korrekturen anzubieten, auch wenn diese nat\u00fcrlich weiterhin unverzichtbar seien, res\u00fcmiert Ingrid Brodnig. Sie empfiehlt, Fragen zu stellen, etwa \u201eWoher hast du deine Info?\u201c aufmerksam zuzuh\u00f6ren und empathisch zu argumentieren. F\u00fcr konkrete Debatten empfiehlt sich die Anwendung das sogenannten \u201eTruth Sandwich\u201c: Zuerst wird dabei die korrekte Information pr\u00e4sentiert, danach die Falschmeldung mit Erkl\u00e4rung, warum sie falsch ist, und zum Schluss muss die Richtigstellung nochmals betont werden.<\/p>\n<p>Klar ist: Wer <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">mit Bildung \u201edas Paradies erschaffen\u201c will \u2013 um an das Eingangszitat von bell hooks zu erinnern \u2013 oder zumindest der politischen H\u00f6lle entfliehen will, die rechtsextreme Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen allerorten heraufbeschw\u00f6ren, <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">kann jedenfalls nicht allein auf Faktenchecks setzten. Immer muss auch ber\u00fccksichtigt werden, wer aus diesen Narrativen politisches, \u00f6konomisches oder psychologisches Kapital schl\u00e4gt, um auch gegen all diese Anreize vorgehen zu k\u00f6nnen. Daf\u00fcr braucht es nicht nur Aufkl\u00e4rung und klare Argumentationsf\u00fchrung, sondern unbedingt auch eine Regulierung des Plattformkapitalismus und Gesetze, die wirksam vor Hetze und politischer Manipulation durch Fake News sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir lernen ziemlich viel Unsinn und kommen dadurch auf bl\u00f6de Gedanken\u2013 und das nicht erst, seit es Fake News auf Social Media gibt. Wie l\u00e4sst sich das alles wieder verlernen und vergessen? Und k\u00f6nnen Menschen gegen Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen geimpft werden? Von Lea Susemichel. 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