{"id":532,"date":"2024-09-05T08:06:27","date_gmt":"2024-09-05T08:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=532"},"modified":"2024-09-05T08:06:27","modified_gmt":"2024-09-05T08:06:27","slug":"eine-steilwand-herunterstuerzen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=532","title":{"rendered":"Eine Steilwand herunterst\u00fcrzen"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Miranda July hat einen mitrei\u00dfenden Roman \u00fcber die Menopause geschrieben. Und damit hoffentlich ein neues Coming-of-Age-Genre geschaffen. Von Lea Susemichel<\/em><\/p>\n<p>Eine Klippe ist auf dem Cover zu sehen. Und ein Abgrund, so tief wie der, in den<br \/>\ndie Gro\u00dfmutter und die Tante der Protagonistin gefallen sind, als sie alt und unansehnlich wurden. Ganz buchst\u00e4blich gefallen, denn beide sind sie aus dem Fenster gesprungen. Die eine ist vorher in einen M\u00fcllsack gestiegen, um nicht zu viel Sauerei zu hinterlassen. Sich selbst wie den Dreck behandelnd, als der sie sich als Frau jenseits des geb\u00e4rf\u00e4higen Alters offenbar f\u00fchlte. Mit Mitte Vierzig wird der namenlosen Ich-Erz\u00e4hlerin klar, dass sie die n\u00e4chste in dieser matriarchalen Linie ist. Statt zu springen, beschlie\u00dft sie, ohne Mann Harris und Kind Sam mit dem Auto quer durch Amerika nach New York zu fahren. Weit kommt sie nicht, schon an der ersten Tankstelle wird sie vom Begehren nach dem jungen Mann \u00fcberw\u00e4ltigt, der ihr die Windschutzscheibe putzt. Er jedoch scheint sich nicht f\u00fcr sie interessieren und ihr wird klar: \u201eIch hatte noch nie zuvor die Erfahrung gemacht, zu alt zu sein\u201c. Doch von nun an w\u00fcrde das vorherrschende Gef\u00fchl ihres Lebens die Entt\u00e4uschung sein, f\u00fcrchtet sie. \u201eMit Transm\u00e4nnern, Frauen und weniger bin\u00e4ren Menschen war das eine andere Sache (wie immer), aber wenn meine Hetero-Geschichte irgendeine Bedeutung hatte (und pl\u00f6tzlich sah es sehr danach aus), dann kam das Ende jetzt ziemlich abrupt. Ich hatte das nicht kommen sehen und mein Leben nicht entsprechend gelebt. Ich war nicht ausgegangen und hatte, als ich es noch konnte, nicht all die Heterosachen getan, die ich gern tun wollte. Wie eine selbstgef\u00e4llige Henne hatte ich auf meinem Nest gehockt und war mir sicher gewesen, dass alles noch unver\u00e4ndert w\u00e4re, wenn mir dann wieder nach Herumstolzieren zumute war.\u201c<br \/>\nEs ist dieses existenzielle Entsetzen, das die K\u00fcnstlerin, Filmregisseurin (zuletzt: <em>Kajillionaire<\/em>, Empfehlung!)und Autorin Miranda July zum Ausgangspunkt ihres fulminanten Menopausen-Roman macht, der wie gewohnt mit vielen skurrilen Wendungen unterh\u00e4lt. Und das ihre liebenswerte Protagonistin dazu bringt, ihre Reise abzubrechen und sich nur wenige Kilometer von zuhause entfernt ein sch\u00e4biges Hotelzimmer f\u00fcr zigtausende Dollar zum luxuri\u00f6sen Liebesnest umzubauen.<br \/>\nSie habe sich gefragt, warum es zwar unz\u00e4hlige Coming-of-age-Geschichten \u00fcber die Pubert\u00e4t g\u00e4be, erz\u00e4hlt die Autorin im Interview in\u00a0\u201eThe Daily Show\u201c, aber keine \u00fcber die Wechseljahre. July hat sie nun selbst geschrieben: eine mitrei\u00dfende und sehr ehrliche Liebesgeschichte inmitten der n\u00e4chsten gewaltigen Hormonumstellung im Leben. Verpackt hat sie darin sogar endokrinologisches Wissen \u00fcber abst\u00fcrzende \u00d6strogenwerte im Gegensatz zum blo\u00df sachte abfallenden Testosteronspiegel (\u201eW\u00e4hrend ich eine Steilwand herunterst\u00fcrzte, schlenderte Harris mit einem Strohhalm im Mundwinkel eine leicht absch\u00fcssige Landstra\u00dfe entlang und pfiff dabei ein Liedchen\u201c), sowie auch die Erfahrungen anderer Betroffener. Die Protagonistin (auch die Autorin, ist anzunehmen) startet daf\u00fcr eine Umfrage, was denn das Positive am Leben nach der Menstruation sei. Die Antworten zeigen: Da gibt es eine ganze Menge. \u201eMein K\u00f6rper geh\u00f6rt jetzt mir\u201c wird geradezu bejubelt und: \u201eIch kann jetzt wirklich ich sein. Als w\u00e4re ich neun Jahre alt und k\u00f6nnte tun und lassen, was ich will\u201c. \u00a0Keine Migr\u00e4ne, keine Endometrioseschmerzen mehr und auch keine Angst, ungewollt schwanger zu werden. Es wird ihr berichtet, dass psychische Erkrankungen verschw\u00e4nden oder sich zumindest deutlich mildern w\u00fcrden.<br \/>\nEin \u201eroom of ones own\u201c ist also nicht nur das dekadente Hotelzimmer im Zentrum des Romans, das einzig und alleine f\u00fcrs eigene Vergn\u00fcgen erschaffen wurde. Ein Zufluchtsort und ein feministisches Versprechen ist auch Julys sch\u00f6nes Buch \u00fcber das Ende der sogenannten Bl\u00fctezeit selbst. Die Verhei\u00dfung n\u00e4mlich, \u201ewie wunderbar das Leben ist, wenn man die Bl\u00fcte erst mal losgelassen hat\u201c.<\/p>\n<p>Miranda July: Auf allen Vieren<br \/>\nKiepenheuer &amp; Witsch 2024, 26,50 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miranda July hat einen mitrei\u00dfenden Roman \u00fcber die Menopause geschrieben. 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