{"id":522,"date":"2024-09-05T08:00:17","date_gmt":"2024-09-05T08:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=522"},"modified":"2024-09-05T08:00:17","modified_gmt":"2024-09-05T08:00:17","slug":"ich-wuenschte-es-waere-anders","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=522","title":{"rendered":"\u201eIch w\u00fcnschte, es w\u00e4re anders\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Wie sollen wir mit unseren Kindern \u00fcber Sch\u00f6nheitsterror und die eigene Eitelkeit sprechen? Am besten m\u00f6glichst ehrlich. Ein Kommentar von Lea Susemichel<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWenn die beiden gr\u00f6\u00dfer sind, wird sich das ja alles ver\u00e4ndert haben.\u201c Ich wei\u00df nicht, wie es zu diesem irrwitzigen Glaubenssatz kam, aber trotz aller Evidenz, dass das mit der feministischen Revolution eine ziemlich z\u00e4he Geschichte ist, war ich in meinen ersten Jahren als Mutter felsenfest \u00fcberzeugt, dass sich bis zur Pubert\u00e4t meiner Kinder vieles erledigt haben w\u00fcrde. Nun sind beide an der Schwelle zum Jugendalter, unverkennbar pr\u00e4pubert\u00e4r, und das Patriarchat ist noch da. Immer schneller sehe ich am Horizont die gewaltige Staubwolke der apokalyptischen Reiter auf sie zurasen, die in diesem brutalen Regime Sch\u00f6nheits- und Schlankheitsterror, wom\u00f6glich K\u00f6rper- und Selbsthass f\u00fcr sie bringt. Am liebsten w\u00fcrde ich mich davorwerfen und \u201eRennt um euer Leben!\u201c rufen. Irgendwann niedergetrampelt zu werden, scheint sowieso unausweichlich. Die Allgegenwart der fiesen Bilder in allen Ger\u00e4ten und auf allen Werbefl\u00e4chen, die in ihre K\u00f6pfe knallen, die Armee der bekloppten Mr. Beasts1 und bescheuerten Beauty-Influencerinnen, die ihnen mit kalter Grausamkeit nichts anzubieten haben au\u00dfer Gem\u00fcse-Bowls und immer noch ein Workout und noch ein Lidstrich-Tutorial, erzeugen bei mir wie wohl bei vielen Eltern das l\u00e4hmende Gef\u00fchl von Aussichtslosigkeit und Ohnmacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201eSephora-Kids\u201c.<\/strong> Auch wenn Feminismus im Mainstream angekommen scheint \u2013 die sexistischen K\u00f6rperpolitiken sind trotz gut vermarktbarem Body-Positivity-Blabla schlimm wie nie zuvor. Mehr als die H\u00e4lfte aller Jugendlichen w\u00fcrde inzwischen gern was am eigenen Aussehen \u00e4ndern, \u00fcber ein Viertel hat schon an eine Sch\u00f6nheitsoperation gedacht, zeigt eine aktuelle Studie. W\u00e4hrend wir in unserer Jugend zwischen der \u201eDu darfst\u201c-Werbung und den aus heutiger Sicht harmlosen Beauty-Tipps der neuen \u201eBravo\u201c (\u201eWie bastele ich mir Papilloten aus Klopapier?\u201c) viel Zeit zum wieder zur Besinnung kommen hatten (in der sich die Papilloten auch schon wieder aufl\u00f6sten), prasseln auf sie rund um die Uhr immer neue Problemzonen ein, f\u00fcr die es st\u00e4ndig neue Produkte braucht. Kosmetikfirmen bringen inzwischen Anti-Aging(!)-Pflegeserien f\u00fcr Kinder heraus, auf TikTok gibt es bei den \u201eSephora-Kids\u201c genannten Unter-Zehnj\u00e4hrigen gerade den Trend, ihre \u201eNight Routine\u201c vorzuf\u00fchren \u2013 und damit ist kein Abendritual mit Zudecken und Gutenachtgeschichte gemeint.Der globale Umsatz f\u00fcr Beauty und \u201eSelfcare\u201c wird \u00fcbrigens f\u00fcr 2024 auf knapp 600 Milliarden gesch\u00e4tzt, bis 2028 soll diese Summe auf 675 Milliarden steigen.<br \/>\nEine elterliche Reaktion, um angesichts dieser Entwicklungen nicht v\u00f6llig zu verzweifeln, besteht darin, das Problem einfach kleinzureden. Dabei sollten wir doch alle wissen \u2013 viele aus eigener Erfahrung, die anderen zumindest durch das Mitleiden mit Freundinnen \u2013, \u00a0wie unermesslich gro\u00df der Schmerz von Heranwachsenden sein kann, die unter ihrem K\u00f6rper leiden. Wie unfassbar viel Raum es \u00fcber lange Jahre einnehmen kann, die eigene Haut, die eigene Nase, das eigene Gesicht zu hassen, sich dick oder auf irgendeine andere der Millionen m\u00f6glichen Arten \u201efalsch\u201c zu f\u00fchlen. Der Druck ist vor allem f\u00fcr viele M\u00e4dchen und queere Kinder viel zu gro\u00df, um ihn aus Fatalismus zu bagatellisieren. Und er ist viel zu folgenschwer f\u00fcr ihr ganzes weiteres Leben. Studien zeigen, dass es schon reicht, dass ihr \u00c4u\u00dferes \u00fcberhaupt kommentiert wird (auch wenn das auf positive Art passiert), damit M\u00e4dchen sich weniger kompetent f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Einfach nichts sagen.<\/strong> Ein erster hilfreicher Schritt k\u00f6nnte also sein, dass wir damit aufh\u00f6ren, die K\u00f6rper unserer Kinder zu beurteilen, auch wenn das oft schwerf\u00e4llt. Doch auch die Sorge, das eigene Kind k\u00f6nnte vom vielen Zuckerkonsum Diabetes bekommen, ist kein Grund f\u00fcr Fatshaming. Fettige Haare sind kein Gesundheitsrisiko und kein Zivilisationsbruch. Aber einfach nichts dazu zu sagen, f\u00e4llt uns auch deshalb so schwer, weil es eben nicht nur die Bilder sind, die von au\u00dfen kommen, sondern auch die, die wir alle in uns tragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSie ist schrecklich plump und oft so ungeschickt\u201c, hat vor Jahren einmal eine Mutter besch\u00e4mt und fast entschuldigend zu mir gesagt, w\u00e4hrend wir unseren T\u00f6chtern beim Kinderturnen zuschauten. Ihre Tochter war damals noch keine vier Jahre alt. Ich war verst\u00f6rt von dieser Bemerkung und habe lange nachgedacht, was diese \u2013 eigentlich sehr liebe \u2013 Person wohl dazu bringt, ihr sicherlich hei\u00dfgeliebtes Kleinkind, das einfach nur entz\u00fcckend tollpatschig auf einer Matte herumpurzelt, so brutal zu bewerten. Und obwohl es wohl die grausamen Bewertungen sind, die wir selbst erfahren haben und mal mehr, mal weniger gefiltert ungewollt weitergeben, darf das keine Entschuldigung sein, um nicht unerm\u00fcdlich selbstkritisch darauf hinzuarbeiten, diese Weitergabe zu durchbrechen. Etwa in dem wir, dem Rat der Psychoanalytikerin und Autorin von \u201e<em>Bodies. Schlachtfelder der Sch\u00f6nheit<\/em>\u201c, Susie Orbach, folgend, nicht \u00fcber das Aussehen von K\u00f6rpern sprechen, sondern dar\u00fcber, was diese alles erm\u00f6glichen \u2013 nicht zuletzt am Leben zu sein und es hoffentlich zu genie\u00dfen. Oder indem wir auch bei unseren Kindern auf den \u201eMere exposure\u201c-Effekt setzen, der bewirkt, dass wir durch blo\u00dfe Gew\u00f6hnung einen Anblick irgendwann auch attraktiv finden, also auch K\u00f6rperhaare oder Falten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201eAlmond Moms\u201c.<\/strong>\u00a0 Ja, es ist ein Skandal, dass wir dabei wieder auf uns selbst gestellt sind und jeden Tag aufs Neue alleine die schwierige Grenze ziehen m\u00fcssen, wo der gemeinsame Spa\u00df mit der Glitzerschminke aufh\u00f6rt und der misogyne Milliarden-Beautybusiness-Ernst anf\u00e4ngt. Und ja, selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssten auch die V\u00e4ter dabei endlich in die Pflicht genommen werden. Aber bei aller feministischen Loyalit\u00e4t M\u00fcttern gegen\u00fcber, die sowieso immer an allem schuld sind, und die vielleicht ihr Leben lang erfahren haben, dass sie Anerkennung und narzisstische Zufuhr vor allem \u00fcber ihr \u00c4u\u00dferes bekommen: Irgendwann muss damit einfach Schluss sein.<br \/>\nEs sind eben nicht nur Heidi Klum oder die sogenannten \u201eAlmond Moms\u201c, die ihren T\u00f6chtern Tipps geben, wie sie mit ein paar Mandeln zwischendurch den Hunger unterdr\u00fccken und diese zur Erweiterung der eigenen Eitelkeit missbrauchen, die den Schaden anrichten. Es sind auch die feministischen M\u00fctter, die ihre Botox-Behandlung zur empowernden Selfcare und den Boob-Job zur emanzipatorischen Bodymodification umdeuten. Kritik daran ist old-school-Feminismus, heute hei\u00dft es: you go girl, g\u00f6nn dir!<br \/>\nBenutzt so viel Botox, wie ihr wollt, aber erz\u00e4hlt euren Kindern bitte keinen Bullshit. Nat\u00fcrlich soll sich keine auch noch schlecht f\u00fchlen, weil sie es nicht schafft, diesem Sch\u00f6nheitsterror im Alleingang die Stirn zu bieten und sich daf\u00fcr sch\u00e4men, dass sie eitel ist und Geld f\u00fcr Dinge ausgibt, die sie eigentlich ablehnt. Aber warum diese Eitelkeit nicht einfach zugeben? Und mit dem eigenen Kind in altersad\u00e4quater Form \u00fcber Sch\u00f6nheitsstandards sprechen. Ihm sagen: \u201eMir ist mein Aussehen leider wichtiger, als mir lieb ist. Ich w\u00fcnschte, es w\u00e4re anders. Vor allem aber w\u00fcnsche ich mir, dass es dir und deiner Generation besser ergeht als unserer und dass dir dein K\u00f6rper keinen Kummer macht.\u201c Es ist ohnehin so wenig, was wir als Eltern in Anbetracht von Social Media &amp; Co tun k\u00f6nnen. Das Wenige zumindest sollten wir also unbedingt versuchen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sollen wir mit unseren Kindern \u00fcber Sch\u00f6nheitsterror und die eigene Eitelkeit sprechen? Am besten m\u00f6glichst ehrlich. 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