{"id":516,"date":"2024-09-05T07:53:52","date_gmt":"2024-09-05T07:53:52","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=516"},"modified":"2024-09-05T07:53:52","modified_gmt":"2024-09-05T07:53:52","slug":"opfer-zweiter-klasse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=516","title":{"rendered":"Opfer zweiter Klasse"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><i style=\"font-size: 1rem;\">Erst seit letztem Jahr erinnert ein Gedenktag an den Holocaust an den Rom*nja und Sinti*zze. Lea Susemichel hat die Politikwissenschaftlerin Mirjam Karoly gefragt, warum diese Opfergruppe so lange vergessen wurde.<\/i><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><em><strong>an.schl\u00e4ge:<\/strong> 2023 wurde der 2. August als internationaler Roma-Gedenktag an die Opfer antiziganistischer Gewalt festgelegt, bislang gab es nur den 8. April zur Erinnerung an die Abhaltung des ersten Weltroma-Kongress. <\/em><br \/>\n<em>Woran soll der 2. August erinnern?<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><b>Mirjam Karoly:<\/b> In ganz Europa fordern Rom*nja seit vielen Jahren die Einrichtung eines internationalen Gedenktages f\u00fcr den NS-V\u00f6lkermord an den Rom*nja und Sinti*zze. 2015 hat das Europ\u00e4ische Parlament diese Forderung mit einer Resolution unterst\u00fctzt, letztes Jahr wurde der Gedenktag von der \u00f6sterreichischen Regierung eingerichtet. Am 2. August gedenken wir der 4.300 Rom*nja, Frauen, M\u00e4nner und Kinder, die in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Das Ereignis steht symbolisch f\u00fcr die Ermordung von rund 500.000 Romn*ja w\u00e4hrend des Holocaust. In \u00d6sterreich haben nur etwa 600 von ehemals 11.000 Romn*ja und Sinti*zze, die 1938 in \u00d6sterreich gelebt hatten, \u00fcberlebt. Ein Verbrechen, das in der Nachkriegsgesellschaft in \u00d6sterreich wie in Deutschland und vielen anderen L\u00e4ndern verschwiegen wurde.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><em>Wieso wurde diese Opfergruppe so lange vernachl\u00e4ssigt, obwohl sie weiterhin so massiv von Diskriminierung betroffen ist, wie zuletzt auch Corona oder der Krieg in der Ukraine gezeigt haben? Seit Jahren ist ein Mahnmal f\u00fcr Rom*nja und Sinti*zze in Wien geplant \u2013 ungesetzt ist es immer noch nicht.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Das ist kein Zufall, sondern steht f\u00fcr die Fortf\u00fchrung tief verwurzelter antiziganistischer Vorurteile und f\u00fcr den anhaltenden, gesellschaftlichen und institutionellen Rassismus gegen Rom*nja. Rom*nja wurden in Fortf\u00fchrung der Nazi-Diktion \u00fcber viele Jahre nicht als rassistisch verfolgte Opfer anerkannt, die Beh\u00f6rden argumentierten, sie seien aus kriminalpr\u00e4ventiven Gr\u00fcnden verfolgt worden, weshalb ihnen f\u00fcr erlitte Lagerhaft in eigens f\u00fcr Rom*nja errichtete Lager wie in Lackenbach lange keine Wiedergutmachungsleistung zuerkannt wurde. Sie waren Opfer zweiter Klasse. W\u00e4hrend die \u00fcberlebenden Rom*nja weiterhin Diskriminierung und Ablehnung erfuhren, blieben die T\u00e4ter*innen unverschont. <s><br \/>\n<\/s>Der Holocaust an den Rom*nja war in der offiziellen Erinnerungskultur bis Ende der 1980er-Jahre nicht existent, dadurch konnte sich auch kein gesellschaftliches Unrechtsbewusstsein gegen\u00fcber Rassismus und Diskriminierung gegen Rom*nja entwickeln. Die Folgen davon sehen wir heute \u00fcberall in Europa, wo Rom*nja von Diskriminierung, Rassismus und Hasskriminalit\u00e4t betroffen sind, was ihre M\u00f6glichkeiten auf ein sicheres Leben stark einschr\u00e4nkt. Antiziganismus hat \u00fcber Jahrhunderte den Ausschluss und Diskriminierung von Rom*nja aus der Gesellschaft gepr\u00e4gt, im Holocaust fand dies im V\u00f6lkermord einen schrecklichen H\u00f6hepunkt und wurde auch in der \u00f6sterreichischen Nachkriegsgesellschaft gepflegt. Dass es bis heute, achtzig Jahre nach der Ermordung der Rom*nja in Auschwitz-Birkenau noch immer kein zentrales Mahnmal f\u00fcr den NS-V\u00f6lkermord an den Rom*nja in \u00d6sterreich gibt, ist Zeichen des institutionellen Antiziganismus.<s><\/s><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><i>Die Europ\u00e4ische Kommission will mit der \u201eRoma-Strategie&#8220; Diskriminierung und Roma-Feindlichkeit in ganz Europa bek\u00e4mpfen und die gesellschaftliche Teilhabe f\u00f6rdern, insbesondere was Bildung und den Arbeitsmarkt betrifft. \u00d6sterreich ist s\u00e4umig bei der Umsetzung. Woran liegt das, was muss sich \u00e4ndern?<\/i><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>\u00d6sterreich hat im Rahmen der ersten europ\u00e4ischen Roma Strategie 2011-2020 auch eine nationale Roma-Strategie erstellt und dabei vor allem auf Initiativen der Rom*nja Zivilgesellschaft aufgebaut. Dabei gab es einige gute Ans\u00e4tze. 2020 wurde eine Evaluierungsstudie durchgef\u00fchrt, die zeigt, dass die Ziele zur F\u00f6rderung der Inklusion in weiten Teilen nicht erreicht wurden. Dies wurde so hingenommen, ohne sich konkret damit auseinanderzusetzen, warum es so wenig konkrete Ergebnisse gibt. Die Rom*nja-Zivilgesellschaft hat in den vergangenen Jahren unheimlich viel geleistet, aber sie alleine wird keine Inklusion und Gleichstellung k\u00f6nnen, dazu braucht es konkrete politische Ma\u00dfnahmen, f\u00fcr die sich die verantwortlichen Stellen zust\u00e4ndig f\u00fchlen. Das genau ist das Problem. Es gibt viel zu wenig Austausch zwischen der Zivilgesellschaft und den Beh\u00f6rden. Von zentralen Stellen, beispielsweise in Arbeitsmarktpolitik und Bildung, wei\u00df kaum jemand von der nationalen Roma-Strategie, weder auf nationaler noch lokaler Ebene und es gibt keine Bem\u00fchung, sie umzusetzen. Offensichtlich \u00fcberl\u00e4sst man die Umsetzung der Strategie alleine der Rom*nja-Zivilgesellschaft, die daf\u00fcr aber weder die Ressourcen noch die machtpolitischen M\u00f6glichkeiten hat. Somit kann das Projekt nur scheitern. Ein Beispiel: Romano Centro f\u00fchrt seit bald drei\u00dfig Jahren ein Projekt zur Schulmediation durch, wo Rom*nja an Wiener Schulen die Ausbildung von benachteiligten Kindern f\u00f6rdern. Die Schulen, Lehrer, Eltern und vor allem die Kinder profitieren davon. Bis heute aber hat sich die Wiener Schulbeh\u00f6rde nicht daf\u00fcr eingesetzt, dies zu institutionalisieren, obwohl gerade jetzt, nach der Pandemie, die Bildungsl\u00fccken bei armutsbetroffenen Kindern krass auseinandergeklafft sind.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><em><span style=\"font-size: 1rem;\">Die Politologin Mirjam Karoly leitete von 2013-2017 die OSZE-Kontaktstelle f\u00fcr Roma- und Sinti-Fragen beim B\u00fcro f\u00fcr Menschenrechte und Demokratisierung in Warschau.<\/span><\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst seit letztem Jahr erinnert ein Gedenktag an den Holocaust an den Rom*nja und Sinti*zze. Lea Susemichel hat die Politikwissenschaftlerin Mirjam Karoly gefragt, warum diese Opfergruppe so lange vergessen wurde. an.schl\u00e4ge: 2023 wurde der 2. August als internationaler Roma-Gedenktag an die Opfer antiziganistischer Gewalt festgelegt, bislang gab es nur den 8. 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