{"id":509,"date":"2024-09-05T07:48:45","date_gmt":"2024-09-05T07:48:45","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=509"},"modified":"2024-09-05T07:48:45","modified_gmt":"2024-09-05T07:48:45","slug":"signalwellen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=509","title":{"rendered":"Signalwellen"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ob neuro- oder kulturwissenschaftlich betrachtet: Erinnern ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Um dem Strom des Vergessens im kollektiven Ged\u00e4chtnis zu entgehen, braucht es gewaltige Anstrengungen. Von Lea Susemichel <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Neurowissenschaftlich l\u00e4sst es sich darauf herunterbrechen: Signale, die von den Nervenzellen im Hippocampus gesendet werden, entscheiden dar\u00fcber, ob wir uns an etwas erinnern oder nicht. Ob eine Erfahrung oder eine neue Erkenntnis relevant genug ist, um ins Langzeitged\u00e4chtnis \u00fcbertragen zu werden, dar\u00fcber entscheiden die sogenannten \u201eSharp Wave Ripples\u201c. Eine aktuell im Wissenschaftsmagazin \u201eScience\u201c pr\u00e4sentierte neue Studie\u00a0kommt zu dem Ergebnis, dass es die Menge dieser spitzen Signalwellen ist, die unsere Merkf\u00e4higkeit anregt. Je mehr dieser Signale von den Nervenzellen unmittelbar nach einer Erfahrung produziert werden, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich sp\u00e4ter an dieses Erlebnis erinnert. Eine Erkenntnis, die die Neurowissenschaft irgendwann sogar in die nach Science-Fiction-Grusel klingende Lage versetzen soll, mittels Gehirnstr\u00f6men auch auf Demenzerkrankungen und auf traumatische Erinnerungen Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Unwahrscheinliche Ausnahme.<\/strong> Kulturwissenschaftlich ist die Sache mit der Erinnerung komplizierter. Denn neben dem individuellen gibt es auch ein kollektives Ged\u00e4chtnis. Was von diesem erinnert wird und was nicht, bestimmen keine Signalwellen im Gehirn, sondern es ist das Resultat eines komplexen gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Auch dieses Ged\u00e4chtnis ist nicht nur f\u00fcrs Erinnern zust\u00e4ndig, sondern ebenso f\u00fcrs Vergessen, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann betont, die eine ihrer zahllosen, oft gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann verfassten, Publikationen zum Thema kulturelle Erinnerung auch dem Vergessen gewidmet hat. Darin macht sie auf eine grundlegende Asymmetrie aufmerksam: Das Erinnern ist die \u201eunwahrscheinliche Ausnahme\u201c. Die Regel hingegen ist das Vergessen, das \u00fcberall lautlos und unbemerkt passiert, letzteres ist \u201eder Normalfall in Kultur und Gesellschaft\u201c. Von den allermeisten Leben bleibe kaum etwas \u00fcbrig: \u201eEin Foto, eine Brosche oder ein M\u00f6belst\u00fcck, ein Sprichwort, ein Rezept, eine Anekdote, das ist \u2013 wenn es hoch kommt \u2013 alles, was bei den Enkeln oder Urenkeln noch von dem einst prall gef\u00fcllten Leben ihrer Gro\u00dfeltern ankommt\u201c, schreibt Assmann in \u201eFormen des Vergessens\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese erinnerten Erbschaften verdanken sich ihr zufolge dem \u201ekommunikativen Ged\u00e4chtnis\u201c, das Erinnerungen und famili\u00e4re Anekdoten jedoch oft nur \u00fcber drei Generationen weitertr\u00e4gt, bevor sie f\u00fcr immer verschwinden. Frauen, deren Wirkungsbereich historisch lange auf den famili\u00e4ren Bereich beschr\u00e4nkt war, sind von dieser totalen Ausl\u00f6schung entsprechend h\u00e4ufig betroffen. Ihre Lebensleistungen gelangten nur selten ins langlebigere \u201ekulturelle Ged\u00e4chtnis\u201c, mit dem sich Gesellschaften ihrer eigenen Geschichte versichern. Sie brauchen daf\u00fcr identit\u00e4tsstiftende Institutionen wie Bibliotheken, Museen, Geschichtsb\u00fccher und Archive, in denen diese kollektiven Erinnerungen gesammelt werden.<br \/>\nAssmann unterscheidet dabei zwischen einem aktiven (Funktionsged\u00e4chtnis) und einem blo\u00df passiven Erinnern (Speicherged\u00e4chtnis), das schnell zu einem \u201eVerwahrensvergessen\u201c werden kann, wenn eine Ansammlung von Wissen blo\u00df in den Archiven verstaubt, ohne je hervorgeholt zu werden. Daran \u00e4ndern auch die st\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfer werdenden digitalen Speicherkapazit\u00e4ten nichts, die eben keinen Erinnerungsboom garantieren, wie oft prognostiziert wird. Ob unsere Nachkommen n\u00e4mlich tats\u00e4chlich all die abertausenden Fotos und Filmchen auch nur sichten werden, die vielerorts hinterlassen werden, scheint zumindest fraglich.<\/p>\n<p><strong>False Memories.<\/strong> Auch auf gesellschaftlicher Ebene braucht es f\u00fcr Erinnerung eine aktive Auswahl des Archivierten, die \u00fcber Kanonisierung, Allgemeinbildung oder Traditionen wie Gedenktage erfolgt. Allesamt Erinnerungstechniken, die bekanntlich in h\u00f6chstem Ma\u00dfe andro- und eurozentrisch gepr\u00e4gt waren und deshalb einen Gro\u00dfteil der Menschheitsgeschichte dem vernichtenden Vergessen anheimgestellt haben. Entsprechend bildet sich das kollektive Ged\u00e4chtnis keineswegs einfach selbstt\u00e4tig aus den historischen Ereignissen. Es ist vielmehr \u201eeine kulturelle Sch\u00f6pfung\u201c, wie Jan Assmann schreibt. Die \u00fcberdies h\u00e4ufig stark umk\u00e4mpft ist, muss erg\u00e4nzt werden. Auch das Vergessen kann in diesem Prozess nicht nur passiv \u201epassieren\u201c, sondern auch aktiv betrieben werden, etwa wenn nach politischen Systemwechseln Denkm\u00e4ler gest\u00fcrzt und Stra\u00dfen umbenannt werden. Legend\u00e4r sind etwa Stalins Retuschen, mit denen er in Ungnade gefallene ehemalige Weggef\u00e4hrten aus Fotos entfernen lie\u00df.<br \/>\nErinnerung entsteht also nicht einfach, sie wird konstruiert. Stalinismus light gibt es dabei auch auf individueller Ebene, denn die eigene Vergangenheit wird bis zu einem gewissen Ausma\u00df stets \u201egegenwartstauglich\u201c gemacht. Verf\u00e4lschte Erinnerungen sind deshalb ein weit verbreitetes Ph\u00e4nomen, bis hin zu \u201eFalse Memories\u201c, die keinerlei Realit\u00e4tsbezug mehr haben. Diese wiederum gibt es als \u201eMandela-Effekt\u201c \u00fcbrigens auch in kollektiver Form (so benannt, weil sich viele Menschen daran \u201eerinnerten\u201c, dass Nelson Mandela bereits in der Gefangenschaft gestorben sei).<br \/>\nNeurowissenschaftlich belegen l\u00e4sst sich auch, was die meisten von h\u00e4ufig geh\u00f6rten Anekdoten im Familienkreis kennen d\u00fcrften: Je mehr Zeit verstreicht, desto heftiger wird deren Ausschm\u00fcckung, und mit jeder Neuerz\u00e4hlung verzerrt sich die Erinnerung weiter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Befreiendes Vergessen.<\/strong> Dem Vergessen kommen dabei unterschiedliche entlastende Funktionen zu, es sorgt etwa f\u00fcr einen neuen \u201eGed\u00e4chtnisrahmen\u201c, wie Aleida Assmann Paradigmenwechsel nennt, die eine neue Form des Erinnerns erm\u00f6glichen, indem historische Deutungsmuster entsorgt werden. Das kann, etwa nach Revolutionen, bis zu einer radikalen Abkehr von allem Alten gehen.<br \/>\nDie positive Wirkung, die es zweifellos haben kann, sich von \u00fcberkommenen Denktraditionen und indoktrinierten Ideologien zu befreien, findet auch im oft beschworenen Gegensatz zwischen Originalit\u00e4t und stumpfem Wiederk\u00e4uen seinen Niederschlag. In der Moderne stand Innovationsf\u00e4higkeit dem Auswendiglernen der alten \u201eArs memoriae\u201c entgegen, es brauche einen beweglichen, freien Geist, der alten Erinnerungsballast loswerden muss. Davon war auch Friedrich Nietzsche \u00fcberzeugt, der ein \u201eaktives Vergessen\u201c einforderte, um von der Geschichte nicht im freien Handeln der Gegenwart gehindert zu werden.<br \/>\nSigmund Freud hatte bei seiner Theorie der Verdr\u00e4ngung vor allem die psychische Entlastungsfunktion im Sinn, vergessen bzw. verdr\u00e4ngt wird das, was mit Schmerz, Schuld und\/oder Scham verbunden ist. Das gilt auch f\u00fcr Gesellschaften. Denn egal, ob es sich um das Ged\u00e4chtnis eines einzelnen Menschen oder um kollektive Erinnerung geht: Meist werden vor allem die Dinge erinnert, die ins positive Selbstbild passen.<\/p>\n<p><strong>\u201eD\u00e4mliche Bew\u00e4ltigungspolitik\u201c.<\/strong> Genau dagegen lehnt sich Erinnerungskultur auf. \u201eNiemals vergessen!\u201c bildet als Forderung das Herzst\u00fcck einer Erinnerungspolitik, die das Gedenken an die eigenen Verbrechen und Verfehlungen wachhalten will. \u201eErinnern wird zur ethischen Pflicht\u201c, so Aleida Assmann. Eine Pflicht, deren Notwendigkeit auf der Hand liegt. \u201eDiese d\u00e4mliche Bew\u00e4ltigungspolitik, die l\u00e4hmt uns heute noch\u201c, hat der Th\u00fcringer AfD-Parteichef Bj\u00f6rn H\u00f6cke\u00a0vor einigen Jahren bei einer Rede geurteilt. \u201eWir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.\u201c Und: \u201eWir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.\u201c Es ging H\u00f6cke bei seiner Brandrede nat\u00fcrlich um das Holocaust-Gedenken, das die erinnerungspolitischen K\u00e4mpfe in Deutschland immer wieder kulminieren l\u00e4sst.<br \/>\nDenn der auch in Auschwitz prangende Leitsatz\u00a0\u201eWer sich seiner Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen&#8220; gilt f\u00fcr die deutsche Erinnerungskultur erst, seit die 68er-Generation ihre Eltern mit den nationalsozialistischen Gr\u00e4ueltaten konfrontierte und so eine Auseinandersetzung mit der j\u00fcngsten Vergangenheit anstie\u00df. Davor herrschte Schweigen. Doch bereits der Historikerstreit von 1987, bei dem die Shoa mit Verweis auf den Stalinismus relativiert werden sollte, zeigte ebenso wie Martin Walsers Friedenspreisrede, in der er von einer \u201eInstrumentalisierung von Auschwitz&#8220; als \u201eMoralkeule\u201c sprach, wie fragil der erinnerungspolitische Konsens \u00fcber die demokratiepolitische Funktion des Erinnerns auch vor H\u00f6ckes vermeintlichem Tabubruch immer war. Selbst von links wurde der \u201edeutsche Erinnerungsfetisch\u201c kritisiert, als inhaltsleere Inszenierung, die dem grassierenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland nichts entgegenzusetzen, ja sogar eine gewissen Entlastungsfunktion habe. Inzwischen mehren sich auch die Stimmen, wonach es im postmigrantischen Deutschland unbedingt neue, partizipative Formen des Gedenkens brauche, die allen gerecht werden.<br \/>\nIm einer vom Feuilleton als \u201ezweiten Historikerstreit\u201c gelabelten Auseinandersetzung wurde 2021 schlie\u00dflich eine \u201eEnttabuisierung\u201c des Vergleichs zwischen Shoa und Kolonialismus gefordert, bei dem sich die Deutschen von ihrer Fixierung auf den Holocaust l\u00f6sen und sich auch mit ihren Kolonialverbrechen und Restitutionsfragen besch\u00e4ftigen sollten.<\/p>\n<p><strong>Dialogisches Erinnern.<\/strong> Wie viel Zeit vergeht, bis solche gesellschaftlichen K\u00e4mpfe um ad\u00e4quate Formen des kollektiven Erinnerns sich im kulturellen Ged\u00e4chtnis institutionalisierten, zeigt der Umstand, dass es bis 2005 dauern sollte, bis die UN zum 60. Jahrestag der Befreiung des\u00a0Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau den 27. J\u00e4nner zum internationalen Holocaust-Gedenktag erkl\u00e4rt hat. Damit Institutionen wie dieser Tag nicht auch dem \u201eVerwahrensvergessen\u201c anheimfallen \u2013 wie Denkm\u00e4ler und Stra\u00dfennamen, deren Bedeutung l\u00e4ngst niemanden mehr interessieren \u2013 m\u00fcssen sie mit dialogischem Erinnern, oder vielleicht auch, wie Michael Rothberg es nennt, mit \u201emultidirektionaler Erinnerung\u201c gef\u00fcllt werden, ohne dass es dabei freilich zu einer Relativierung der Shoa kommen darf. Dabei sollten einander m\u00f6glichst viele Perspektiven Erg\u00e4nzung und Korrektiv sein. Ein blo\u00df monologisches Erinnern ist Aleida Assmann zufolge jedenfalls ein Kennzeichen von Totalitarismus. Und von dort ist es zur Zensur nicht weit \u2013 wom\u00f6glich auch nicht zum Manipulieren von Hirnstr\u00f6men.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p><span style=\"font-weight: 400;\"><\/p>\n<p><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob neuro- oder kulturwissenschaftlich betrachtet: Erinnern ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Um dem Strom des Vergessens im kollektiven Ged\u00e4chtnis zu entgehen, braucht es gewaltige Anstrengungen. Von Lea Susemichel Neurowissenschaftlich l\u00e4sst es sich darauf herunterbrechen: Signale, die von den Nervenzellen im Hippocampus gesendet werden, entscheiden dar\u00fcber, ob wir uns an etwas erinnern oder nicht. 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