{"id":504,"date":"2024-09-05T07:36:17","date_gmt":"2024-09-05T07:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=504"},"modified":"2024-09-05T07:36:17","modified_gmt":"2024-09-05T07:36:17","slug":"sich-anderen-menschen-aussetzen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=504","title":{"rendered":"&#8222;Sich anderen Menschen aussetzen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><em>Claudia Neu hat zum Zusammenhang von Einsamkeit und Ressentiment geforscht. Wer einsam ist, kann das Vertrauen in andere Menschen und demokratische Institutionen verlieren<\/em><em>, sagt die Soziologin.<br \/>\nInterview: Lea Susemichel<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><strong>an.schl\u00e4ge:<\/strong> Immer mehr Menschen sind von Einsamkeit betroffen, sogar unter jungen Erwachsenen ist die Anzahl der Betroffenen zuletzt stark gestiegen. Ist daran vor allem die Pandemie schuld?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Claudia Neu:<\/strong> Die Zeit der Pandemie war sicher eine extreme Situation. Die geforderte physische Isolation hat viele Menschen erfahren lassen, wie Einsamkeit sich anf\u00fchlt. In den ersten beiden Pandemiewellen ist das Gef\u00fchl, zumindest zeitweise einsam zu sein, deutlich in die H\u00f6he geschossen. Vorher gaben etwa 14 Prozent aller Deutschen an, manchmal einsam zu sein, w\u00e4hrend der Pandemie lagen die Werte dann bei \u00fcber vierzig Prozent. Lange ist \u00fcbersehen worden, dass junge Menschen ganz besonders unter den Kontaktbeschr\u00e4nkungen gelitten haben. Bis heute zeigen viele Jugendliche und junge Erwachsene noch Nachwirkungen wie Depressionen und erh\u00f6hte Einsamkeitsgef\u00fchle. Auf die gesamte deutsche Bev\u00f6lkerung geschaut, haben sich Einsamkeitsgef\u00fchle aber nahezu auf das vorpandemische Niveau herabreguliert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ist Einsamkeit politisch gemacht, ist sie also ein Effekt der neoliberalne Vereinzelung und Entsolidarisierung, die sich auch im Verlust von sozialen Beziehungen zeigt?<\/em><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde auf beides mit einem kleinen \u201ejein\u201c antworten. Wird ein l\u00e4ngerer Zeitverlauf in den Blick genommen, so finden sich lediglich Beweise, dass Einsamkeit leicht zugenommen hat, wie die Einsamkeitsforscherinnen Maike Luhmann und Kolleg:innen herausgefunden haben. Das mag auch daran liegen, dass die europ\u00e4ischen Wohlfahrtsstaaten den Menschen eine eigene Lebensf\u00fchrung erm\u00f6glicht haben, die durch weniger Abh\u00e4ngigkeiten von Familie oder Verwandtschaft gepr\u00e4gt ist. Bei Arbeitslosigkeit und Krankheit tritt nun die Solidargemeinschaft ein und nicht nur das Wohlwollen der Familie. Diese Entwicklung hat auch dazu gef\u00fchrt, dass in den vergangenen Jahrzehnten die pers\u00f6nlichen Wahlfreiheiten sehr viel gr\u00f6\u00dfer geworden sind. Es ist heute m\u00f6glich, eine ungl\u00fcckliche Ehe zu verlassen oder sich auch im hohen Alter aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Nirgends ist man ja so einsam wie in einer ungl\u00fccklichen Beziehung. Die gr\u00f6\u00dferen pers\u00f6nlichen Freiheiten werden aber von einigen Menschen auch als Verlust an Bindung und Zusammenhalt erlebt. Dar\u00fcber hinaus spielen Gef\u00fchle heute in unserem Leben, aber auch der Politik, eine deutlich gr\u00f6\u00dfere Rolle. So ist auch die Aufmerksamkeit f\u00fcr psychische Leiden gestiegen und Einsamkeit bedeutet f\u00fcr die Betroffenen gro\u00dfes pers\u00f6nliches Leid.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Sie vertreten die These, dass Einsamkeit und Ressentiment zusammenh\u00e4ngen und dass Einsamkeit so zu einem N\u00e4hrboden f\u00fcr autorit\u00e4re Politik werden kann. K\u00f6nnen Sie diesen Zusammenhang kurz erl\u00e4utern?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vorweg: Einsamkeit und Ressentiment h\u00e4ngen nicht unmittelbar und auch nicht urs\u00e4chlich zusammen. Einsame Menschen m\u00fcssen nicht auch zugleich ressentimentgeladen sein oder umgekehrt. Einsamkeit und Ressentiment sind aber starke negative Gef\u00fchle, die sich gegenseitig verst\u00e4rken k\u00f6nnen. Menschen, die Ressentiments hegen, haben eine pers\u00f6nliche Kr\u00e4nkung erfahren oder eine Zur\u00fcckweisung erlitten, die sie nicht aufl\u00f6sen k\u00f6nnen, sodass sich Gef\u00fchle der Ohnmacht und des Grolls anstauen, die erst auf einzelne Mitmenschen, dann auch auf die ganze Gesellschaft \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen.<br \/>\nEinsamkeit hingegen bedeutet erst einmal nur, nicht so viele soziale Kontakte zu unterhalten, wie man sich w\u00fcnscht, und sich von der Gesellschaft isoliert zu f\u00fchlen und in Notlagen keine Unterst\u00fctzung zu finden. H\u00e4lt dieses Gef\u00fchl sehr lange an, dann k\u00f6nnen einsame Menschen dazu neigen, die Welt dunkler und unsicherer wahrzunehmen, wie Studien zeigen. Sie vertrauen dann anderen Menschen und demokratischen Institutionen weniger und f\u00fchlen sich sogar an vielen Orten unwohler als nicht-einsame Menschen. Dies kann schlie\u00dflich auch in einer erh\u00f6hten Neigung gipfeln, Verschw\u00f6rungsmythen zu glauben oder politische Gewalt eher zu billigen. Hier treffen sich dann Einsamkeit und Ressentiment und k\u00f6nnen sich so gegenseitig verst\u00e4rken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Vor allem in Ostdeutschland leisten rechte Organisationen oft quasi Sozialarbeit und bieten Hilfs-, aber auch Freizeitangebote und gehen so auf Stimmenfang. Sie schreiben, dass populistische und rechtsextreme Parteien Gemeinschaftsangebote machen, inwiefern? <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einsame Menschen bem\u00fchen sich darum, wieder in Kontakt mit anderen zu kommen. Nur oft gelingt das eben nicht. Menschen, die gro\u00dfen Groll und Hass auf andere versp\u00fcren, sto\u00dfen mit ihren Haltungen oft auf Gegenreaktionen und Ablehnung ihrer Mitmenschen, was Einsamkeit nat\u00fcrlich verst\u00e4rkt. Es besteht also die Sehnsucht nach Kontakt und Gemeinschaft, nach Stabilisierung des eigenen Selbst. Bei einsamen Menschen kann dies sogar so weit gehen, dass sie nicht nur selbst h\u00e4ufiger Diskriminierung erfahren, sondern ihrerseits andere Menschen abwerten, wie die j\u00fcngste Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen konnte (<em>Anm.:<\/em><em>Die\u00a0sogenannten Mitte-Studien-Erhebungen zu\u00a0rechtsextremen\u00a0Einstellungen in der deutschen Gesellschaft).<\/em> An dieser Stelle k\u00f6nnen dann populistische oder rechtsextreme Angebote einhaken und Menschen in ihrem Wunsch nach sozialer Anerkennung abholen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Sie kommen zum Schluss, dass eine Gesellschaft, in der Einsamkeit um sich greift, auf Reformen und Ver\u00e4nderungen oftmals aggressiv reagiert. \u00a0Wie erkl\u00e4rt sich das?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schaue ich mir an, wie schleppend die sozial-\u00f6kologische Transformation vorankommt und wie gro\u00df die Widerst\u00e4nde gegen jede Art von Ver\u00e4nderung sind, und welchen Hass sie zuweilen hervorruft, dann frage ich mich schon: Wie bringen wir es fertig, dass sich die Einsamen und Ressentimentgeladenen wieder als Teil der Gesellschaft f\u00fchlen und auch bereit sind, (Mit-)Verantwortung f\u00fcr unsere Zukunft zu \u00fcbernehmen? Aber nat\u00fcrlich hat jede und jeder erst einmal das Recht darauf, einsam und grollerf\u00fcllt zu sein, ohne von politischen Interventionen \u201ezwangsbegl\u00fcckt\u201c zu werden. Die zusammenhaltsgef\u00e4hrdende Kraft von Einsamkeit und Ressentiment darf eine lebendige Demokratie aber nicht privatisieren, sondern muss darauf reagieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wie sollte sie denn reagieren?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein wichtiger Schritt liegt sicher darin ein st\u00e4rkeres Bewusstsein f\u00fcr die destruktiven Kr\u00e4fte von Einsamkeit und Ressentiment zu schaffen. Dazu geh\u00f6rt nicht nur eine Enttabuisierung von Einsamkeit, damit es f\u00fcr Betroffene leichter wird, Hilfe anzunehmen, sondern auch die \u201eOpfernarrative\u201c der Ressentimentgeladenen zu durchbrechen. Denn an der eigenen Situation sind eben nicht immer nur die anderen schuld. Wichtig erscheint es zudem, die Resilienz der Menschen zu st\u00e4rken, wieder mehr Konflikte und Differenz auszuhalten. Das kann erreicht werden, wenn wir als Gesellschaft wieder mehr in der \u00d6ffentlichkeit zusammenkommen und uns anderen Menschen aussetzen. Um das zu erreichen, brauchen wir aber auch eine entschlossene Infrastrukturpolitik, die \u00f6ffentliche G\u00fcter und Dienstleistungen als ein gesellschaftlichen Integrationsmotor versteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Sie pl\u00e4dieren also f\u00fcr starke \u00f6ffentlichen Institutionen, um rechtsextreme Radikalisierung zu stoppen?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Menschen haben in den vergangenen Jahren den Eindruck, dass sich ihre Lebenswelt nicht zum Besseren ver\u00e4ndert. Das manifestiert sich sehr stark im Eindruck, dass Gesellschaft nicht mehr in der \u00d6ffentlichkeit zusammenkommt, in Teilst\u00fccke und Blasen zerf\u00e4llt. Wo aber kommen Menschen zusammen und wo erleben Menschen den \u201eStaat\u201c nicht nur als repressiven Apparat? Infrastrukturen und demokratische Institutionen erm\u00f6glichen Integration, der Zugang zu G\u00fctern und Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheit erm\u00f6glichen gesellschaftliche Teilhabe. Diese Institutionen sorgen f\u00fcr sozialen Ausgleich, leben aber auch von Konflikten. Sie sprechen uns als B\u00fcrger:innen in vielen Rollen an, die uns dazu auffordern, Demokratie mitzugestalten. Diese Aufforderung zur Mitgestaltung sollte dann aber sowohl von Politik als auch von B\u00fcrger:innen eingefordert und eingel\u00f6st werden. Schlie\u00dflich geht es um die verfassungsrechtliche Pflicht demokratischer Politik, mit den Mitteln der streitbaren und wehrhaften Demokratie der Radikalisierung und Instrumentalisierung von Ressentiments durch (national-)populistische Politikerinnen und Politiker sowie (rechts-)extremistische Parteien klar entgegenzutreten. Und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren und die Demokratie zu verteidigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Claudia Neu hat eine Professur zur Soziologie l\u00e4ndlicher R\u00e4ume an den Universit\u00e4ten G\u00f6ttingen und Kassel.<br \/>\nIm Erscheinen: <\/em><em>Jens Kersten | Claudia Neu | Berthold Vogel: Einsamkeit und Ressentiment, Hamburger Edition 2024<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Lea Susemichel ist leitende an.schl\u00e4ge-Redakteurin.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Neu hat zum Zusammenhang von Einsamkeit und Ressentiment geforscht. Wer einsam ist, kann das Vertrauen in andere Menschen und demokratische Institutionen verlieren, sagt die Soziologin. Interview: Lea Susemichel an.schl\u00e4ge: Immer mehr Menschen sind von Einsamkeit betroffen, sogar unter jungen Erwachsenen ist die Anzahl der Betroffenen zuletzt stark gestiegen. 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