{"id":256,"date":"2022-11-29T12:00:42","date_gmt":"2022-11-29T12:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=256"},"modified":"2022-11-29T12:08:18","modified_gmt":"2022-11-29T12:08:18","slug":"was-koennte-ich-sonst-noch-tun","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/susemichel.de\/?page_id=256","title":{"rendered":"\u201eWas k\u00f6nnte ich sonst noch tun?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Nicht erst seit den Facebook-Leaks ist klar, dass soziale Medien vor allem M\u00e4dchen oft gar nicht guttun. Die Pandemie hat es nicht besser gemacht.\u00a0Von Lea Susemichel<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor knapp zwanzig Jahren wurde Facebook von Mark Zuckerberg entwickelt, um die \u201eFuckability\u201c von Studentinnen zu bewerten. In dieser Hinsicht scheint sich Social Media kaum weiterentwickelt zu haben, denn ein zentraler Ort f\u00fcr \u201eSocial Comparison\u201c ist es auch heute. Mit dem Unterschied, dass wir dort nicht nur miteinander verglichen werden, sondern uns nun auch st\u00e4ndig selbst mit anderen vergleichen.<br \/>\nDie damit einhergehende Inszenierung des eigenen Ichs, die alle Beteiligten auf Plattformen wie Instagram und TikTok betreiben, ist insbesondere f\u00fcr M\u00e4dchen zur anstrengenden allt\u00e4glichen Arbeit am Selbst geworden. Pubert\u00e4re Identit\u00e4tssuche findet inmitten einer Bilderflut statt, in der alles zur konsumierbaren Performance und \u201edas Selbstsein die letzte Naturressource des Kapitalismus geworden ist\u201c, wie Jia Tolentino in ihrer Essay-Sammlung \u201eTrick Mirror\u201c schreibt.<br \/>\nDass die Silicon Valley-Giganten diese \u201eNaturressource\u201c unter allen Umst\u00e4nden auszubeuten gedenken, haben sp\u00e4testens die Facebook-Leaks klar gemacht. Wie die Whistleblowerin Frances Haugen enth\u00fcllte, wardem Konzern durch interne Studien l\u00e4ngst bewusst, wie sch\u00e4dlich Instagram sich insbesondere auf junge M\u00e4dchen auswirken kann und wie sehr der st\u00e4ndige Vergleich mit anderen die Art ver\u00e4ndert, wie M\u00e4dchen sich selbst wahrnehmen und beschreiben.<\/p>\n<p><strong>Essst\u00f6rungen &amp; Suizidgedanken.<\/strong> Die unter Verschluss gehaltenen Facebook-Studien zeigten: Bei einem Drittel aller M\u00e4dchen im Teenageralter bef\u00f6rdert Instagram Essst\u00f6rungen weiter und verschlimmert die Unzufriedenheit mit dem eigenen K\u00f6rper. Auch dar\u00fcber hinaus leidet die psychische Gesundheit, Instagram ist f\u00fcr den Anstieg von Angstzust\u00e4nden und Depressionen verantwortlich. Selbst Suizidgedanken f\u00fchren bis zu 13 Prozent der Nutzer:innen auf\u00a0den Einfluss des sozialen Netzwerks zur\u00fcck.<br \/>\nDoch diese besorgniserregenden Ergebnisse \u00e4ndern nichts daran, dass \u201eMeta\u201c, wie der Konzern nach dem PR-Desaster inzwischen hei\u00dft, auch noch j\u00fcngere Kinder als \u201ewertvolle, bisher ungenutzte\u201c\u00a0 Ressource anzapfen m\u00f6chte. Die Leaks zeigen, dass Facebook seit f\u00fcnf Jahren Strategien pr\u00fcft, um der Konkurrenz von TikTok und SnapChat zu begegnen und bereits j\u00fcngere Kinder an die Plattform zu binden. Mit dem derzeit auf Eis gelegten \u201eInstagram Kids\u201c sollten deshalb schon \u201eTweens\u201c, also die Zehn- bis Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen, gek\u00f6dert werden. Selbst die Zielgruppe der bis Vierj\u00e4hrigen taucht \u00a0in den geleakten Dokumenten auf.<br \/>\n\u201eDie Facebook Leaks zeigen nur etwas, das andere Studien schon l\u00e4nger nahelegen\u201c, kommentiert das die Medienwissenschaftlerin und Medienp\u00e4dagogin Rosa Danner im an.schl\u00e4ge-Interview und verweist etwa auf die HBSC Studie f\u00fcr Kindergesundheit der WHO. Die Studie zeigt, dass\u00a0immer j\u00fcngere M\u00e4dchen ungl\u00fccklich mit ihrem Aussehen sind. Begannen entsprechende Selbstzweifel fr\u00fcher im Schnitt erst ab einem Alter von 15, stehen inzwischen schon 11- bis 13-J\u00e4hrige auf Kriegsfu\u00df mit dem eigenen\u00a0K\u00f6rper, was vor allem auf den gestiegenen Einfluss von Social Media\u00a0zur\u00fcckgef\u00fchrt wird. Die letzte Erhebung ist von 2018, es ist davon auszugehen, dass sich die Entwicklung seither weiter versch\u00e4rft hat, aktuelle Zahlen sind alarmierend.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch auch wenn das Wissen um diese Zusammenh\u00e4nge nicht neu ist: \u201eDie krasse neue Erkenntnis ist\u201c, so Rosa Danner \u201edass ein Konzern bewusst die Gesundheit von Menschen \u2013 besonders die von Kinder und Jugendlichen, die noch vulnerabler sind \u2013 zur Gewinnmaximierung aufs Spiel setzt.\u201c<br \/>\nVor allem Meta, dem zudem die stillschweigende Billigung von Menschenhandel und die schamlose Monetarisierung von Wut, Hass und Gewalt vorgeworfen wird und das auch gegen das geplante EU-Verbot von Micro-Targeting aufbegehrt, steht aufgrund dieser Enth\u00fcllungen gegenw\u00e4rtig im Fokus der Kritik. Aber auch Plattformen wie TikTok, das inzwischen weltweit von einer Milliarde vornehmlich junger User:innen oft t\u00e4glich genutzt wird, sind nicht besser. Die Tiktok-Sucht, die sich analog zur \u201eSmartphone Addiction Scale\u201c erheben l\u00e4sst, verst\u00e4rkt bei Teenagern Angstzust\u00e4nde und Depressionen und f\u00fchrt bei vielen zu Konzentrationsschw\u00e4chen bis hin zum Ged\u00e4chtnisverlust. Auch hier wird das in Kauf genommen, schlie\u00dflich ist es das oberste Ziel, die Anzahl der \u201eDaily Active User\u201c stetig zu steigern. Daf\u00fcr nutzt TikTok ganz besonders aggressive Algorithmen, eine algorithmische Pr\u00e4zision, die dazu f\u00fchrt, dass TikTok auch rechtsextreme Radikalisierung unter Jugendlichen beg\u00fcnstigt, wie eine Studie von Media Matters zeigt. Und die M\u00e4dchen bei entsprechenden Pr\u00e4ferenzen durchaus auch mal zu Magersucht-Challenges lotst.<\/p>\n<p>\u201e<strong>Beherrschung der Aufmerksamkeit\u201c. <\/strong>Diese \u201eBeherrschung der Aufmerksamkeit\u201c\u00a0wie die Medienwissenschaftlerin McKenzie Wark diese neue Machttechnik nennt, bedient sich unter anderem des Instruments des \u201eInfinite Scroll\u201c, der die Verweildauer durch immer neue Dopamin-Kicks drastisch erh\u00f6ht.<br \/>\n\u201eInstagram, Tiktok und co. und auch viele Game-Producer nehmen es bewusst in Kauf, Suchtverhalten zu f\u00f6rdern. Vieles wird so programmiert, dass wir m\u00f6glichst viel Zeit dort verbringen und Infos \u00fcber unser Verhalten und unsere Vorlieben liegen lassen\u201c, sagt Danner. \u201eDurch Covid hat sich das alles nochmal potenziert, Social- Media-Kan\u00e4le wurden \u00fcber weite Strecke zum Fenster zur Welt.\u201c<br \/>\nUnd dieses Fenster zur Welt zeigt Jugendlichen immer st\u00e4rker gefilterte und standardisierte Sch\u00f6nheitsideale, die immer unerreichbarer werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201eDie sieht normaler aus.\u201c<\/strong> \u201eIch hab mich schon daran gew\u00f6hnt, dass alle immer so perfekt aussehen\u201c, sagt die elfj\u00e4hrige Mascha, deren Handyzeit auf eine Stunde am Tag limitiert ist. Sie nutzt sie vor allem f\u00fcr TikTok und findet es besser, \u201ewenn die Frauen nicht so perfekt oder auch mal dicker sind\u201c. Auch deshalb mag sie die Schminktutorials von Paula Wolf besonders gern, \u201edie sieht normaler aus und ist au\u00dferdem lustig&#8220;. TikTok l\u00e4sst auch die klassische Boygroup-Phase zu: Mascha erz\u00e4hlt, dass viele Freudinnen den K-Pop-Bands\u00a0BTS\u00a0und\u00a0Blackpink folgen.<br \/>\nDoch darum, ob jemand gut singen oder skateboarden kann, geht es bei der Selbstinszenierung selten, im Zentrum stehen stattdessen Sch\u00f6nheit und Fitness, die Influencerinnen konkurrieren mit den originellsten Gr\u00fcnkohlrezepten, \u00dcbungen f\u00fcr den \u201eBrazilian Butt\u201c oder diversen \u2013 nicht selten gesundheitsgef\u00e4hrenden \u2013 Challenges.\u00a0Angesichts dieser besorgniserregenden Bilanz ist es wenig verwunderlich, dass die ehemaligen Twitter-, Facebook- und Google-Mitarbeiter:innen, die in der Netflix-Doku \u201eThe Social Dilemma\u201c aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudern, ihre Kinder nie mit Social Media alleine lassen oder ihnen sogar jede Nutzung strikt verbieten. Doch was k\u00f6nnen Eltern sonst tun, um ihre Kinder zu sch\u00fctzen und zu st\u00e4rken?<br \/>\nRosa Danner: \u201eIch empfehle, schon bei Kleinkindern damit anzufangen, ihren Selbstwert zu st\u00e4rken und immer wieder gemeinsam \u00fcber Medien und Medienkonsum zu reflektieren. Also sich gemeinsam zu fragen: ,Wie geht es mir gerade, wenn ich mir das alles reinziehe? Was k\u00f6nnte ich sonst noch tun? Womit w\u00fcrde es mir besser gehen?\u2018\u201c Wichtig sei es, sich f\u00fcr die Vorbilder und Vorlieben der Kinder zu interessieren und dabei die Gratwanderung zu meistern, die Influencerinnen nicht zu heftig zu kritisieren, \u201esonst sind wir als Gespr\u00e4chpartner:innen schnell uninteressant\u201c.\u00a0Besser sei es, gemeinsam die mediale Inszenierung zu reflektieren, sich also zu fragen \u201ewie etwas gemacht und welcher Ausschnitt des Lebens uns da gezeigt wird.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eH\u00e4tte ich mir auch gew\u00fcnscht.\u201c<\/strong> Es gibt nat\u00fcrlich auch positive Aspekte: Social Media wird von jungen Menschen f\u00fcr Hilfestellung, Empowerment, Vernetzung, Wissensvermittlung. politischen Protest und nicht zuletzt unter Freund:innen genutzt. Auch die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen ist heute gr\u00f6\u00dfer als noch vor einigen Jahren. Viele \u00fcberlegen sich sehr genau, was sie via Social Media von sich preisgeben. Allerdings d\u00fcrfte diese Zur\u00fcckhaltung laut Safer Internet auch viel mit Hass im Netz zu tun haben und den fiesen Kommentaren, die es vor allem auf TikTok sehr h\u00e4ufig gibt.<br \/>\nPositiv hervorzuheben sei auch, dass \u201esehr tolle Nischen entstehen\u201c, so Danner. \u201eEs gibt Kan\u00e4le, die \u00fcber die Inszenierung auf Social Media reflektieren, die psychische Gesundheit thematisieren oder Influencer:innen, die Arbeitsbedingungen transparent machen und kritisieren. Es gibt wahnsinnig gut gemachte queere und feministische Kan\u00e4le wie z. B. Auf Klo oder safespace, die sich an Jugendliche richten, Pubert\u00e4ts- und Aufkl\u00e4rungsthemen aufnehmen und die dabei noch emanzipatorisch und divers sind. So etwas h\u00e4tte ich mir als M\u00e4dchen auch gew\u00fcnscht.\u201c<br \/>\nDass Social Media m\u00f6glichst guttun und Freude machen sollte, hat zum Gl\u00fcck auch Mascha schon herausgefunden: \u201eLustige Videos mag ich am liebsten.\u201c<\/p>\n<p>https:\/\/www.saferinternet.at<br \/>\nhttps:\/\/www.klicksafe.de<br \/>\nhttps:\/\/elternseite.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht erst seit den Facebook-Leaks ist klar, dass soziale Medien vor allem M\u00e4dchen oft gar nicht guttun. Die Pandemie hat es nicht besser gemacht.\u00a0Von Lea Susemichel &nbsp; Vor knapp zwanzig Jahren wurde Facebook von Mark Zuckerberg entwickelt, um die \u201eFuckability\u201c von Studentinnen zu bewerten. 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